Karl Burkert von H. Schlüpfinger

Heinrich Schlüpfinger

Zum Gedenken

an den Pädagogen und Schriftsteller Karl Burkert

Vor 110 (inzwischen 125) Jahren am 28.Januar 1884 wurde der als fränkischer Dichter weltbekannte Lehrerssohn Karl Burkert in Schwabach, Königstraße 17, geboren. Seine Tochter Gisa, die das schriftstellerische Werk ihres Vaters fortsetzt, erzählt nachstehend das Leben ihres Vaters von seiner Geburt bis zur Ankunft in dem Dorf Leerstetten, das seit der Gemeindegebietsreform zusammen mit dem Markt Schwand den Namen Schwanstetten trägt:

 

An einem unwirtlichen Wintertage, dem 28. Januar 1884, wurde er in Schwabach geboren als fünftes Kind der Lehrerseheleute Konrad und Bertha Burkert. Die Hebamme reichte dem Vater ein wimmerndes Bündel. "Es ist ein Bub", sagte sie. Und leiser, damit es die matte, entkräftete Wöchnerin nicht höre: "Man täte gut daran, das Kerlchen bald zu taufen. Viel leben ist nicht in ihm." Da ging der Vater zum Kalender. "Karl der Große" stand an diesem Tage darauf. Also nannte er das Söhnlein Karl. Den Namen des heiligen Leonhard gab er hinzu.

 

Die Großmutter, die Lehrersfrau Grete Dimling, band binnen kurzem den kleinen Wurm in ein Wickelkissen und reiste, um der Mutter den Anblick des hinsterbenden Säuglings zu ersparen, mit ihm nach Büchenbach. Kopfschüttelnd sahen die anderen Fahrgäste auf das dürftige Bündel. Zwei Fäustchen und ein runzliches Gesichtchen, in dem dunkle Augen flackerten ‑ sonst war dort nichts.

 

Mit Geißmilch gedachte die Großmutter, das kümmerliche Wesen über die wenigen Tage zu bringen, die ihm beschieden sein würden. Der Junge nuckelte sie aus dem Fläschchen und starb nicht. Bald mußte man ihm ein Röcklein schneidern und danach die ersten Höschen. Der kleine wurde aufgezogen wie ein zweiter Kaspar Hauser. Der Großvater war ein strenger wortkarger Mann. Wenn er am Nachmittag die Schultüre geschlossen hatte, setzte er sich sogleich über seine Gemeindeschreiberei. Er mußte diese umfängliche Arbeit tun, um seine kargen Bezüge aufzubessern. Allemal, wenn er für den Kirchendienst einen neuen Überrock brauchte, gab es ein Hungerjahr für die Familie. Der alte Mann schrieb oftmals bis in die Nacht. Nur am Abend, wenn die Dämmerung die Häuser umspann, unterbrach er sich manchmal und ging eine halbe Stunde ums Dorf. Der Kleine durfte nicht mit. Er saß mit der Großmutter auf dem Hausbänkchen oder in der Küche und hörte zu, wie sie leise vor sich hinsang. "Der Täler und der Auen Pracht", kam in einem ihrer Lieder vor. "Der Thäter und der Auenpracht", meinte der Kleine zu hören. "Der Thäter" war sein heimlicher Freund und seine ganze Sehnsucht. Es war ein Bürschchen in seinem Alter. Hin und wieder kam es heimlich an ein Loch in der Schulhecke und reichte ein Schneckenhaus, einen schillern den Laufkäfer, eine Handvoll Eicheln oder gar ein Säckchen mit mattglänzenden Kastanien herein.

 

Karl Burkert als Leutnant im 1. Weltkrieg.

Foto: Bischof & Broel, Nürnberg

Karl Burkert als Leutnant im 1. Weltkrieg

Karl Burkert wurde von der rauen Hand des Lebens bald aus dem heckenumhegten Fleckchen in Büchenbach genommen. Als er sechs Jahre alt war, schickten ihn die Großeltern zurück nach Schwabach. Einen Ranzen, von den älteren Brüdern weidlich vernutzt, bekam er auf den Rücken. So bepackt, führte ihn der Vater in die Schule zu einem fremden Lehrer. Die Stube voll fremder Knaben schreckte den Kleinen. Er war nur an den Umgang mit Blumen und Schmetterlingen gewöhnt. Wenn darum der Lehrer den Rücken drehte, riß er den Büchersack vom Haken, gewann die Zimmertüre und rannte gleichsam mit verhängten Zügeln heim zu.

 

Lange konnte sich Vater Burkert in Schwabach nicht mehr halten. Acht Kinder zog er auf. Da brauchte er eine große Wohnung. In der Stadt wurde sie für ihn zu teuer. Von dem Glanze des Kaiserreiches, das vor wenig Jahren im Spiegelsaal zu Versailles gegründet worden war, fiel nicht ein Schimmer auf den kleinen Lehrer. Acht Kinder und kein Kindergeld, nur das schmale Gehalt! Da meldete sich Konrad Bunkert in ein weltverlorenes Dorf im Nürnberger Reichswald, nach Leerstetten. Dort gab es ein Schulhaus, wo für etliche Mark die große Familie unterkommen konnte.

 

An einem trüben Herbsttag zogen sie auf. Indes die wenigen Möbel vom Fuhrwerk geladen wurden, standen die Lehrerskinder im Schulhof, nicht wissend, warum sie hierher verschlagen worden waren. Da tauchte Kopf an Kopf die Dorfjugend auf, verstohlen über die Mauer spähend. Plötzlich flog eine Waischrübe, eine Stoppelrübe, auf die Fremdlinge zu. Die stürzten sich auf die unerwartete Gabe, schälten sie mit einem Messerchen und teilten sie so, daß auf jeden eine Scheibe traf.

 

Die Köpfe an der Mauer verschwanden. Nach einer kleinen Weile waren sie wieder da. Ein wildes Bombardement auf die Lehrerskinder begann. Jeder der Bauernbuben hatte eine Schürze voll Rüben mitgebracht und warf sie in den Schulhof. Im Dorf aber ging es von Mund zu Mund:"Der neue Lehrer ist aufgezogen. Er hat viele Kinder. Sie essen Waischrüben, Waischrüben, die man sonst dem Vieh vorwirft."

 

Ja, mit Waischrüben wurden die Burkertskinder in diesem Herbst satt. Späterhin gab es Brennsuppe und trocken Brot an den Abenden. Milch für all die Kinder kam zu teuer, und das Dorf war arm.

 

Unter Karl Burkerts Vorfahren finden sich in den letzten drei Jahrhunderten viele, die den Beruf des Volksschullehrers ausübten. In seinem Ahnenpaß lesen wir: Johann Michael Kühn (1779‑1867) in Sulzkirchen Schullehrer, Friedrich Kühn (1800‑1881) in Büchenbach, Lkr. Schwabach, Kantor und Schullehrer, Andreas Dimmling, geb. 4. 2. 1830 in Schwabach,t 1.12.1914 als Oberlehrer in Nürnberg, Konrad Burkert, geb. 10. 10. 1850 in Wendelstein, vom 1. 11. 1873 ‑ 1. 11. 1892 Volksschullehrer in Schwabach, wo er Nürnberger Straße 19 wohnte, anschließend Lehrer in Leerstetten, Lkr. Schwabach. Von dort verzog er nach Weiltingen, wo seine Ehefrau am 7.1. 1923 im Alter von 66 Jahren verstarb.

 

Der Kulturhistoriker Heinrich Krauß in Schwabach veröffentlichte in seinem 2. Heimatbuch 1931, S. 415‑420 folgende Studie von Karl Burkert Nürnberg:

 

Im Frührot der Kindheit

 

Von allen Bäumen der Erde liebe ich am meisten die Föhre. Sie saust und lauscht hinein in meine ersten Kindestage. In einem leisatmenden, kleinlauten Frankendörflein fand ich mich, als ich zum erstenmal meiner selbst bewußt wurde. Auf den baren Sand, vorzeitlichen Meeresgrund, mußte der allererste Siedler den Fuß gesetzt haben, als er sich hier die Heimat suchte. Ein Himmelwunder, daß er da zu reuten begann und ein noch größeres, daß er darüber nicht verzagt ist. Die Föhre, die allhier über den bleichen, harschen Sand schlich, ihre rauhen Wurzeln getrost in all die Dürre hinabsenkte, muß ihm, diesem mutigen, trotzigen Menschen, den Glauben an das Leben gerettet haben. Anders istes kaum zu begreifen. Oder vielleicht ist gar nur eine Düne, eine völlig baumlose Düne vorhanden gewesen? Hört mal: "Leerstetten!" Klingt das nicht recht kahl und verblasen? Uebrigens, dortmals hörte ich das nicht. Da hatte, ganz im Gegenteil, dieser karge Dorfname schier etwas Frisches, Verwagtes und Sanghaftes für mich. Nach welcher Seite ich meine Augen schlug, nach welchem Ende ich meine kleinen Schritte lenkte, fand ich das Dorf, und was nach den vier Windstrichen hin ums Dorf herum war, nur immer freundlich, ergötzlich und schön.

 

Heute ist mir, als habe jene Gegend immer nach Lupinen gerochen. Das kann indes doch wohl nur für den Spätsommer gegolten haben. In einem wahren Goldrausch schwelgten um diese Zeit die Kartoffelfelder. Bis ins Dorf schlug sich der schwersüße, betörende Duft. Bis hinein in die Schlafkammern. Bis hinauf in die hohe Glockenstube.

 

GinsterFast noch wilder lohte im Mai der Ginster. An allen Waldsäumen war sein Flackern und Züngeln. Manchmal schoß es einem plötzlich wie eine Springflamme entgegen. Man war nur froh, daß es einem nicht Schuh, Gewand und Haut versengte, daß es nur kaltes Feuer war. Dann im Herbst, wenn der Gaberle die Ginsterstauden zu Besenreis verschnitt, waren sie nicht mehr so gefährlich. Auch ihr bißchen Grün war nun stumpf und tot. Fiel einem weiter nicht auf, denn nun leuchtete es um den alten, verschnitzten Besenbinder von allerhand schalkigen Schwänken. Einer davon ist mir im Gedächtnis geblieben: Um eine geizige Bäuerin ging es. Die hätt' mit dem Satan um einen dürren Saunabel gerauft, wenn es g'rad' pressiert hätt'. Und gegen die armen Besenbinder war sie begreiflich noch wüster. Da ist ihr wieder einmal einer mit seinen Besen auf den Hof gekommen und wieder hat sie ihm von jedem Stück einen lumpigen Pfennig abgeknaust. "Trag' sie mir gleich in den Schupfen hinauf!", sagt sie, wie sie ihm die paar Kreuzer hinschiebt. Der Besenbinder tut, wie man ihm geheißen. Aber wie er droben eine Bodenlucke gewahrt, noch dazu so kommod auf die Wiesen hinaus, da schmeißt er die Besen in die Brennesseln hinunter, klaubt sie ums Zunachten wieder zusammen und verkauft sie etliche Tage später zum andernmal der Bäuerin. Versteht sich, noch um einen Pfennig wohlfeiler denn die vorigen, indem die Hex, die verdammte, steif und fest behauptet, es wären dasmal keine so schönen. Der Besenbinder ‑ Schankele hat er sich geschrieben ‑ vollführtdas gleiche Manöver. Wie er aber zum drittenmal mit seiner Tracht auf dem Buckel daherkommt, faucht die Bäuerin ihn gewaltig an. Ob eins glaube, sie könne im Winter bloß Besen fressen, plärrt sie. Den Schankele samt seinen Besen flucht sie zu allen Teufeln und die Tür knallt sie hinter sich ins Schloß. So wird denn der Tropf seine Besen drüben im Pfarrhof los. Der Bäuerin aber ist es wahrhaftig nach ihrem Sinn geraten. Nicht einen allereinzigen Besen hat sie hernach noch finden können, droben auf dem Schupfen.

 

Meine eigenen Geschichten dichtete ich mir zusammen, wenn ich einsam bei meinen Gänsen war. Eigentlich meines Vaters Gänse waren es, gewöhnlich ein kleines Trüpplein. Sommers trieb ich sie eine halbe Stunde über die Dorfhekken hinaus und hin nach dem verträumten, waldstillen Weiher. Unendlich besinnliche Stunden, die mir da verstrichen! Wasserrosen, Rohrkolben und Libellen, die gachsenden Frösche in den Binsen und der läutende Kuckuck im nahen Holz, das war so meine Gesellschaft. Gleichwohl ist mir die viele Zeit recht kurzweilig verflossen. Ich behaupte, wer in seiner Jugend keine Gänse hüten durfte, der hat als ein halber Mensch begonnen und zu einem ganzen wird er es schwerlich in diesem Leben noch bringen. In diesem verschnitzten, verhobelten Leben, darinnen für die meisten Menschen so wenig Einfachheit, so wenig gesunde Natur ist.

 

Allemal so gegen 4 Uhr kam der Dorfhirt mit seiner Herde aus den Wäldern herunter. Auf dem Weg zum Espan trieb er sie durch den Weiher. Nach mir, dem Niederhirten, schaute er nicht viel hin. Noch weniger kümmerten sich die Kühe um die Not meines armen Gefieders. Ich mußte nur froh sein, wenn ich das verstörte Gevölk hernach so leidlich wieder zusammenbrachte. Mehr denn einmal wurde es kopfscheu, stob in alle Lüfte und dann sah ich es, über die Getreidefelder hinwegblickend, in der Ferne hinter den Dorfbäumen verschwinden. Dann stand ich da, ein König ohne Volk, mit mei

nerzerfaserten Geißel, und dieweil ich schon nichts mehr zu regieren hatte, schlenzte ich hinein ins Holz. Da gab es Brestlinge und Hohlbeeren, da schwirrten die Schnarrheuschrecken und sonnte sich eine Waldschleiche, da flötete eine Drossel irgendwo und oben in den nadelstillen Föhrenwipfeln schienen die weißen Wolken zu schlafen.

 

Oder ich zottelte hinter den Kühen drein und kam hinunter nach dem Espan. Ein ungemeiner Zauber lag für mich über diesem Oedland. Das Gras, das hier schob, hatte einen besonderen Duft. Es roch nach Wildnis und Urzeit. Auch die wenigen Kräuter, die hier wuchsen, waren mir seltsam und fremd. Der Boden wich und wankte unter den Füßen. Es war ein mooriger Grund. Große Bremsen schwärmten in der Luft und fielen summend und brummend über das Vieh her. Ein geheimnisvoller Wind flog in den weißen Flocken des Wollgrases. Die Libellen knisterten fort und fort über den Binsen und Schmehlen mit ihren zartfarbigen, gläsernen Flügeln. Und erst noch der Vogel Kiebitz! Wie die ewige Unrast flatterte und wehte er hin und her über das Unland, sauste bald in jähem Stoß empor, taumelte, sich wieder und wieder überschlagend, zur Tiefe, und "Kuwitt! Kiuwitt!", so klang sein klagender Ruf.

 

Aber am Abend oder gar in der Nacht war es im Espan nicht mehr geheuer. Da geisterte droben in der Lichtlosen Luft die Himmelsziege umher, schreckte die Leute mit ihrem Kekkern und Meckern, und runten um die Gumpen und Tümpel huschte der lrrwisch und das war beihnahe noch schlimmer. Die durstigen Bauern, wenn sie auf ihrem Wäglein spät von Nürnberg heimklapperten und die Holzkohlenführer, die meist bald nach Mitternacht den Schlaf aus den Augen reißen mußten, hatten da ihre liebe Not. Die geschwinden, fahlblauen Flämmchen hockten sich den Gäulen auf die Ohren, nestelten sich sogar an die Spitze von Peitschenstecken, und einer, der Nachtrabmichel, wurde darüber völlig rabiat, ließ das Fuhrwerk Fuhrwerk sein, rannte heim zu seinem Weib, keuchte, der leibhaftige Beelzebub sei ihm in der Feuchtlach bekommen, und wäre der Schimmel nicht gescheiter gewesen als der Michel, dann wäre weiß Gott was geschehen.

 

Der Michel war einer aus dem Holz heraus. Furth schrieb sich das verriegelte Dorfnest, wo er daheim war. Ein flinkes, kieselhelles Wasser, der Hembach, sprang nahe dabei aus den Föhren hervor. Der Sand lag hier noch dürrer und trostloser denn anderswo. Das Korn, das man dem armen Acker vertraute, kam so schütter in die Höhe, daß sich das Reh nicht darinnen verhehlen konnte. Kaum zum Brot, das man täglich essen mußte, wollte es rechtschaffen auslangen. Aber Wälder gab es da, unsinnig viel Wälder. In einem einzigen Strich liefen sie gegen Morgen bis in die obere Pfalz hinein. Es war so recht eine Gegend, wo Fuchs und Has sich Gutnacht sagen. Die Kohlenbrenner hatten hier ihr Wesen. In weitem Ring schwelten die Meilerstätten ums Dorf, da und dort mit blauem Rauchgekräusel über den Bäumen. Ein rässer Brandgeruch lag fast immer um die paar verlorenen Höfe. Die Wäldlerkinder, so oft sie den weiten Weg zur Schule kamen, trugen diesen verflixten Rauch in ihrem Kittel, und noch den Toten, wenn sie sich schon im Sarg streckten, brändelte es ein bißchen im Bart. Auch ihre harzigen Kohlenbrennerhände wollten nie und nimmermehr weiß werden. Es hätte schon eine scharfe Lauge sein müssen; aber ich glaube, sie machten sich darüber keine unnützen Gedanken.

 

Ueberhaupt bedeucht mich, als hätte ich in jenen Tagen immer nur heitere, frohgemute Menschen gesehen. Wird wohl anders damit gewesen sein. Die Zeit wird manchen dunklen Strich und Fleck in meiner Erinnerung getilgt haben, so daß nun alles so lieb und warm, so hell und farbig in mir dasteht. Ist mir doch auch, alle die Sommer seien länger, sonnebeschenkter und lichtseliger gewesen, die Winter verläßlicher, klirrender und schneereicher, der Himmel inniger und gütiger, die Erde grüner und blühender und alles näher dem Herzen. Unser Maibaum dünkte uns der höchste und schönste im Vaterland. Die paar Obstbäume, die uns ums Haus zweigten, schienen uns unerschöpflich in ihrem Segen. Und keine Weihnachtsstube habe ich seither mehr gesehen, die so voll Wunder, so voll Geheimnis und Gläubigkeit war.

 

Damals hab' ich den Sonnentraum der fränkischen Kornfluren unvergesslich in mich gesogen, die Schönheit der Kartoffelblüte, die zarte Musik der Föhrenhölzer, den herben Geruch der Hopfengärten und Tabakfelder, die alte, heilige Stetigkeit des Bauerntums, die ganze schüchterne Poesie dieser verhaltenen, sanften Gegend. Dort hab' ich die Hohltaube zum ersten mal gurren gehört, den grauen Sperber rütteln gesehen, das Bläßhuhn im Röhricht belauscht, den Brachkäfer mir um die Ohren surren lassen, den Wespenkrug unter der Dachschräge entdeckt, den Rotschwanz, die Wasserstelze, den Ammerling und die Heidelerche unterscheiden gelernt. Kurz, hier hat sich das große, fröhliche Naturbuch meinen erstaunten Kindesaugen in all seiner bunten Freude aufgetan und manches, was mir daraus entgegensprang, ist unverwelklich in mir verblieben.

 

In jener Zeit erlebte ich auch meinen Gott: Wie er im Donner klirrend einherschritt, im Heuwind flog, im Nachtkauz aufklagte, im Steine schwieg, in der Blume lächelte, im Grashalm flüsterte, im mondbeglänzten Weiherspiegel träumte, im warmen Sommerregen zur Erde troff. Nie wieder hab' ich so glühende Abendwolken gesehen, so gefährlich‑zackige Blitze, so farbige, würzige Bauerngärten, so stille, blumige Gräber. Nie wieder war mir der Tag so hell, die Dämmerung so seltsam graulich, die Nacht so voll süßschauriger Ahnungen. Keinmal hernach war mir das liebe lange Jahr so voller Ereignisse und Feste. Wir feierten die Schneeglöckchen, die Brombeeren, die Birnen, die Waischrüben, die Kartoffelfeuer. Hinterjeder Stalltüre, hinter jedem Heustock witterten wir das Geheimnis. Jeder Schupfen, darunter die Waldstreu lagerte, ward uns zu einem Ort der Erlebnisse.

 

Es ist merkwürdig, daß ich mich mancher Menschenstimme noch entsinne, die dortmals mein Ohr getroffen hat. Auch seh' ich noch deutlich den Kunzbauern vor mir und wie er, das Bewußtsein seiner 200 Morgen im Gang, allabendlich im Zwielicht nach dem unteren Wirtshaus hinunterschritt, einen Ranken roggenes Brot in der Hand, ein Stück Dörrfleisch und ein breites, blankes Messer. Ich höre noch die Feuertrompete schreien in jener finsteren Herbstnacht, als plötzlich die größte Scheuer des Dorfes in Flammen aufstob und aufprasselte. Und auch die zwei alten Maulbeerbäume, die hüben und drüben die Friedhofspforte bewächterten, stehen unverlierbar in meinem Kopfe.

 

In der leichten, hellen Erde dieses Totenackers mag auch manch einer mit seinen braven Knochen ruhen, den ich späterwärts in meinen Geschichten mit Blut und Leben wieder sich aufrichten ließ. Als ich daran ging, die Menschen meiner zweiten und schließlichen Heimat, der an der Wörnitz gelegenen, südfränkischen, aufzuzeigen und zu gestalten. Bloß die Namen hab' ich dabei geändert und die Oertlichkeiten hab' ich ein kleines verschoben. Das Menschliche wird geblieben sein.

 

Ob ich's einmal angehen sollte, die Sonne und den Uhrenschlag, das Wiesenlicht und den Aehrenwind und alle die Herzlichkeiten jenes weltfernen, unberühmten Walddorfes in einer Geschichte wieder ins Dasein zu rufen? ‑‑ Weiß nicht, ob mir's gelingen will! Allzu viel Anderes, Neues ist mir seither dazwischen gewachsen, webt und rauscht nun in meinen Gedanken, in meinem Blute. Aber das kann ich vielleicht: schlicht und warm sein wie meine Kindesheimat! ‑Und darauf vertrauend könnt' ich's vielleicht versuchen.

 

Als wohlbestallter Lehrer in der Stadt Nürnberg hatte Karl Burkert die Entbehrungen seiner Kinderzeit in Leerstetten vergessen. Er schildert seine Naturerlebnisse mit schwärmerischen Worten.

 

Heinrich Krauß hat in seinen Heimatbüchern immer wieder Gedichte von Karl Burkert drucken lassen. Im Heimatbuch Bd. VI/1942 veröffentlichte er einige Auschnitte aus Burkerts Studie "Fränkischer Bilderbogen": Die Feldkirche, Die Bachmühle und Der Bildstock.

 

Von 1897 bis 1900 besuchte Karl Burkert die Präparandenschule in Wassertrüdingen. Bei der Aufnahmeprüfung zeigte es sich, daß er im Fach Religion, nicht aber in den weltlichen Fächern gut vorbereitet war. Er wurde trotzdem aufgenommen, so daß sein Vater seine Drohung "Wenn sie dich nicht behalten, kommst du auf die Erichmühle bei Großschwarzenlohe als "Müllerbursche" nicht wahrmachen konnte. Karl Burkert kam in Wassertrüdingen zu einem Handwerksmeister in Kost und Logis. Als Kost erhielt er Brennsuppe, Erbsen, Kraut und Kartoffeln. In seiner freien Zeit ging er hinaus in den Oettinger Forst und erholte sich in der Natur. Die drei Präparandenjahre konnte er ungefährdet zu Ende bringen.

 

Zu Beginn des Schuljahres 1901 trat Karl Burkert, wahrscheinlich als Internatsschüler, in das von Seminardirektor Johann Helm geleitete zweikursige Lehrerseminar Schwabach ein. Seminardirektor Helm und die übrigen, damals an der Anstalt wirkenden 11 Lehrkräfte, darunter der Seminarpräfekt Heinrich Brand und der Seminarlehrer Johannes Kern wirkten damals an der Ausbildung "einer ganzen Lehrergeneration, die zum großen Teile in Mittelfranken, zum Teil aber auch in ganz Bayern" nach den erzieherischen und unterrichtlichen Grundsätzen Helms an der Bildung des Volkes arbeitete. Das Bestehen der Seminarschlußprüfung nach dem Normativ von 1866 berechtigte aufgrund von § 40 der Bayer. Wehrordnung vom 30.1.1868 zur Ablegung des Einjährig‑Freiwilligen‑Dienstes in der bayerischen Armee. Die Bayer. Wehrordnung vom 21.11.1875 führte in § 90 die Seminare unterden Lehranstalten auf, die berechtigtwaren, Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für diesen Dienst auszustellen.

 

Als Karl Burkert am Ende des Schuljahres 1902 das Lehrerseminar Schwabach verlassen hatte, arbeitete er als Hilfslehrer von 1902 bis 1907 an verschiedenen mittelfränkischen Schulen. 1907 erfolgte seine Anstellung als Schulverweser an der Volksschule Unterschallbach, Gemeinde Vorderbreitenthann, Lkr. Feuchtwangen. Am 12. 8.1907 heiratete er in Feuchtwangen Wilhelmine Emilie Rupprecht, geb. 29.11.1884 in Feuchtwangen.

 

1908 wurde Karl Burkert als gutqualifizierter Lehrer in Nürnberg angestellt. Seine erste Tochter Isolde, die spätere Gymnasialprofessorin, wurde im gleichen Jahr in Nürnberg, die zweite Tochter Gisa, die spätere Rektorin an der Volksschule Dinkelsbühl, am 7.1.1914 geboren.

 

Als der junge Lehrer Karl Burkert wenige Jahre nach seiner Anstellung als Lehrer in Nürnberg gemustert wurde, knurrte der Stabsarzt: "Zu schmal, zu schwächlich, langjährige Unterernährung, nicht fest auf der Lunge, untauglich." Später, vor 1914 wird er als Einjährig‑Freiwilliger den Dienstgrad eines Leutnants der Reserve erlangt haben. Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges am 1. August 1914 wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Als Leutnant und Kompagnieführer kam er an die Westfront.

 

In den Vogesen, beim Kampf um den Hartmannsweilerkopf, wo Deutsche und Franzosen 1915 zu Zehntausenden den Tod fanden, schrieb Leutnant Burkert seine erste Erzählung: "Der eine und der andere Reiter".

 

Sie erschien in der Feldzeitung "Aus Sundgau und Wasgenwald". Man wurde höheren Orts auf Karl Burkert aufmerksam und holte ihn gegen Kriegsende als Presseoffizier zum Großen Generalstab nach Charleville.

 

1918, als die Fronten zusammenbrachen, luden sie Karl Burkert leberkrank in den letzten Lazarettzug, der der belgischen Grenze entgegenrollte. Um ihn lagen röchelnd mit zerstörten Lungen die Kameraden, die aus dem Gaskrieg kamen. Immer wieder hielt der Zug, und man legte die Toten an den Bahndamm.

 

In Berlin riß man dem Frontoffizier die Achselstücke ab. In Nürnberg wurde geschossen. Revolution!

 

Nach seiner Genesung nahm Karl Burkert seine Arbeit als Lehrer in Nürnberg wieder auf. Mehrere Jahre später begann er mit seinen schriftstellerischen Arbeiten. Sein Kriegskamerad Dr. Fridolin Solleder, Direktor des Staatsarchivs Nürnberg, verhalf ihm zum Druck seiner ersten beiden Bücher, die ab 1926 beim Bayerlandverlag München erschienen. Nun war er freier Schriftsteller. Als Feriendomizil hatte er sich das alte Schulhaus in Veitsweiler auserwählt. Dieser ursprünglich "Wiler" genannte alte Ort war im Dreißigjährigen Krieg vollkommen zerstört worden. 1950 zählte er 260 Einwohner und 56 Wohngebäude. Später ging er im 2 km entfernten Markt Weiltingen auf.

 

Die Zeitschrift "Jugendlust" schickte 1933 Margret Wolfinger zu ihm. Sie sollte ein ihm zu Ehren gestaltetes Heft der Zeitschrift illustrierenMein Dorf und zeichnete u. a. das Dorf Veitsweiler und daneben das Gedicht "Mein Dorf" von Karl Burkert.

 

Karl Burkerts nach und nach erschienene Bücher enthalten Erzählungen, Anekdoten, historische Miniaturen und Gedichte. Er fühlte sich der klassischen Tradition der deutschen Dichter verpflichtet. 1943 wurde seine Wohnung in Nürnberg ausgebombt und 1946 erfolgte seine Versetzung in den Ruhestand als Oberlehrer.

 

In einer Lehmgrube in Veitsweiler erbaute er für sich ein bescheidenes Landhaus. Während seines Ruhestandes erschienen von ihm Bücher in den Jahren 1964, 1967, 1968, 1970,1974 und 1975.

 

Geehrt wurde er an seinem 90. Geburtstag am 28.1. 1974 auch durch "seine lieben Schwabacher", am 8. 6. 1974 durch den Vorsitzenden der Fränkischen Arbeitsgemeinschaft, Landrat a. D. Paul Keim als fränkischer Dichter mit einer Ehrenurkunde, am 26. 4. 1976 von Bundespräsident Scheel in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um Volk und Staat durch die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und schließlich von der Gemeinde Leerstetten durch die Benennung einer Straße als "Karl‑BurkertStraße".

 

Karl Burkert starb in Veitsweiler am 16. 9.1979 im Alter von über 95 Jahren und fand am 18. 9.1979 im Dorffriedhof von Veitsweiler seine letzte Ruhestätte. Als die Männer aus dem Dorfe den Sarg von Karl Burkert hinaustrugen, regten sich die hochschäftigen Birken leise im Abendhauch. Eine Amsel sang ihr ewiges Lied. Auch Dr. Willi Ulsamer von Spalt sprach am Grabe einen Nachruf. Einer Veröffentlichung im Schwabacher Tagblatt vom 19. 9.1979 sind folgende Worte entnommen:

 

"Heimat bedeutete ihm nichts Sentimentales, sondern Herzenssache. "Bilder und Träume" (1962) nannte er seine Impressionen in einem Gedichtband. Erst nach seinem 90. Geburtstag stellten sich die Beschwerden des Alters und das Gefühl der Einsamkeit ein; er war, wie er es selbst umschrieb "ein Wanderer, müde geworden auf der Bahn des Lebens". Dichterisch klingt das so:

 

Nun denkst du nicht mehr weit hinaus,

die Wünsche werden klein,

Einhundert Schritte um dein Haus

und das wird alles sein.

 

"Was bleibt, stiften die Dichter". Dieses Zitat Hölderlins ist wohl auch für K. Burkert zutreffend. Liest man in seinen Werken, so steigt die Welt Stifters und Roseggers auf. Die große Wertschätzung des Dichters zeigte sich auch in der großen Trauergemeinde, die dem Schriftsteller das letzte Geleit gab (die Stadt Schwabach ließ durch eine Abordnung einen Kranz in den Stadtfarben niederlegen). Wie könnte man besser Burkerts gedenken als mit einem seiner eigenen Verse ("September" 1972):

 

Die weichen Falter sind verschollen,

die Tage grenzen eng sich ein.

Die königlichen Rosen sollen

vergeh'n, nun nicht mehr sein.

 

Traumfein und silbern spinnen Fäden

sich um den abgebrauchten Strauch.

Von all den Düften, jetzt verwehten,

bewahrte sich kein Hauch.

 

Des Baums beladene Gebärde,

ein spätes Bild, das fast bedrückt.

Azurner Blick, geneigt zur Erde:

ein Lächeln, nicht geglückt.

 

Was uns erfüllt', nicht mehr gegeben,

selbst die Gehölze werden stumm.

Bei welken Wünschen, sanftem Leben,

geht wieder ein September um.

 

Verzeichnis der von Karl Burkert verfaßten Bücher:

 

1.Am fränkischen Grenzstein, Erzählungen, Bayerlandverlag München 1926

 

2.Der heilige Veit, Geschichten, Bayerlandverlag München

 

3.Der einsame Weg, Geschichten, Baier‑Verlag, Weingarten ‑München

 

4.Die unsterblichen Veilchen, Erzählungen, Frankenver lag Sommer & Schorr, Feuchtwangen

 

5.Am Holderstrauch, Gedichte, Frankenverlag Sommer & Schorr, Feuchtwangen

 

6. Allerhand Leut', Erzählungen, Frankenverlag Sommer & Schorr, Feuchtwangen

 

7. Aus rauhem Grund, Erzählungen, Verlag Adolf Klein, Leipzig

 

8. Die Krone des Lebens, Erzählungen, Verlag Hermann Schroedel, Halle a. Saale

 

9. Der bunte Acker, Erzählungen

 

10. Zwischen grünen Hügeln, Erzählungen

 

11.Die Handschrift des Königs, Erzählungen

 

12. Bilder und Träume, Gedichte, Franz von Bebenburg in Pähl/Obb., 1962

 

13.Auf frühen Wegen, Geschichten, Lorenz Spindler Verlag Nürnberg, 1964

 

14.Unter alten Linden, Geschichten aus dem Ries, Frän kisch‑schwäbischer Heimatverlag
Oettingen,1967

 

15.Der Spielmann Gottes, Geschichten und Legenden, Fränkisch‑schwäbischer Heimatverlag
Oettingen, 1968

 

16.Am Strom derZeit, Historische Miniaturen, Franzvon Bebenburg in Pähl/Obb., 1968

 

17. Im Spiel der Weit, Miniaturen, Franz von Bebenburg in Pähl/Obb., 1970

 

18.Tal der Stille, Gedichte, Franz von Bebenburg in Pähl/Obb., 1970

 

19.Im Abendrot, Gedichte, Hohe Warte ‑ Franz von Bebenburg KG, 1974

 

20.Augen, blau wie Flachsblüte, Geschichten auch dem Ersten Weltkrieg, Hohe Warte ‑ Franz von
Bebenburg KG, 1975

 

 

Verzeichnis der von Gisa Burkert verfaßten Bücher:

 

1. In der Taverne zum halben Mond, Erzählungen, Hohe Warte ‑ Franz von Bebenburg KG, 1975

 

2. Und Belinda tanzt, Jugendroman aus der Zirkuswelt, Hohe Warte ‑ Franz von Bebenburg KG, 1982

 

3. Der Erbonkel im Baum, Heiteres, Dramatisches und Nachdenkliches aus vier Erdteilen, Ein EGO Buch
der Bücher GmbH Bayreuth, 1992

 

4. Der Affe, die Schildkröte und der Papagei, Reiseerzählungen aus Afrika, Verlag Wenng Druck GmbH,
Dinkelsbühl, 1993

 

Die Bücher von Karl und Gisa Burkert sind verwahrt im Stadtarchiv Schwabach.

 

aus: SCHWABACHER Heimat

BLÄTTER FÜR GESCHICHTSFORSCHUNG UND HEIMATPFLEGE

Heimatkundliche Beilage zum "Schwabacher Tagblatt"

Jahrgang 33 Februar 1994 Nummer 1

Schriftleitung: Heinrich Schlüpfinger, Wittelsbacherstraße 10, 91126 Schwabach

 

Schwanstetten im November 2009

Alfred J. Köhl

 

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Karl Burkert:Titelbild Mein Dorf