40 Todestag


"Schreiben ist die einsamste Arbeit der Welt."
Ingeborg Höverkamp
 
Zum 40. Todestag von Elisabeth Engelhardt am 8.August 2018


 
Vierzig Jahre sind eine lange Zeitspanne, in der ein Autor leicht in Vergessenheit geraten kann. Ein Buch, das heute ein Bestseller ist, kann in einem Jahr schon vergessen sein. Neue Bücher und neue Autoren tummeln sich jedes Jahr am Literaturmarkt. Doch Elisabeth Engelhardts Werk ist weit davon entfernt, als Literaturkonserve zu verstauben.
 

1994 konnte ich nach fünfjähriger Forschungsarbeit meine Biografie über sie publizieren. In den folgenden Jahren erhielt ich viele Einladungen zu Lesungen und Vorträgen über die fränkische Autorin. Auch einige Gedenkfeiern hielten das Andenken an sie wach, zu denen ich referierte und jeweils einen Zeitungsartikel über Leben und Werk Elisabeth Engelhardts schrieb. Bedeutendes ist bewahrt worden aus dem Leben dieser eigenwilligen Schriftstellerin, das Dauer haben wird: ihr zeitlos gültiges literarisches Werk.
 

Sie hätte etwas verlegen gelächelt, die bescheidene Bauerntochter Elisabeth Engelhardt, so viel Aufhebens um ihre Person, ein öffentliches Gedenken an ihrem Grab, ein Zeitungsartikel über ihr Leben und Werk. Jahrzehntelang musste sie als junge Frau Durchhaltevermögen beweisen, bis sie in der Literaturszene überhaupt wahrgenommen wurde.
 
Man sagt, der Mensch stirbt zwei Mal: Das erste Mal den physischen Tod, das zweite Mal, wenn sich niemand mehr seiner erinnert, niemand mehr von ihm spricht. Die fränkische Autorin ist noch sehr lebendig in Erinnerung. Diese positive Erfahrung durfte ich bei meinen Gesprächen mit Zeitzeugen, bei Lesungen und Vorträgen machen.
 
Was ist denn so Besonderes an dieser stillen Frau mit dem herben Charme, wird sich vielleicht einer fragen. Als Mensch überzeugte sie stets durch ihre Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, ihre Integrität und ihr Mitgefühl. Sie hörte zu, tröstete, war da, wann immer jemand ihre Hilfe brauchte. "Nett" war sie nicht, im Sinne von ständiger guter Laune und Dauerlächeln, die zierliche Bauerntochter mit den hellen suchenden Augen und den schmalen Händen, die an Riemenschneider-Figuren erinnerten, eher eigenbrötlerisch, spröde, sie hatte ihre Ecken und Kanten und konnte unbequem sein, weil die Wahrheit für sie höchste Priorität hatte. Hart, kernig, kompromisslos, direkt waren ihre Äußerungen, fränkisch-deftig und treffend, wie die Dialoge in ihren Romanen. Die Sprache Elisabeth Engelhardts ist die Sprache der fränkischen Bauern, stimmig und milieugetreu. Doch konnte sie ihre Ausdrucksweise mühelos den Anforderungen des literarischen Parketts anpassen. Ihre Diskussionsbeiträge waren stets fundiert, sachlich, originell und verrieten ein beachtliches Bildungsniveau. Im Zweifelsfall schwieg sie lieber, Bauernweisheit, die über Jahrhunderte hinweg gegenüber Grundherren und Regierungen, von Generation zu Generation weitergegeben, geübt werden musste, um überhaupt überleben zu können, Bauernweisheit, die mehr weiß, als sie sagt.
 
In ihrer Erzählung "Drei Männer am Abend" gibt sie ein Beispiel dieser Bauernweisheit:
"Hier im Dorf leben unbescholtene Leute. Mit Verbrechern hatten wir nie etwas zu tun...Raufereien, ja... Gestohlen und geraubt wurde nie. Natürlich kam das auch manchmal vor. Da hat einer dem anderen einen Baum aus dem Wald gestohlen... Verbrecher gibt es hier nicht, wie gesagt,..., die Leute gingen aufs Feld, auf der Straße zogen die Kuhgespanne und vor den Häusern bellten die Hunde, in den Gärten wuchs es, in unserer Kirche wurde getauft und auf dem Friedhof begraben. Alles andere liegt so zwischendrin."
 
Hintergründiger Humor blitzt zuweilen auf, Humor, der in vielen Facetten und Nuancen ihr literarisches Werk durchzieht - von makaber dämonisch bis ländlich deftig, wie etwa in ihrem Hörbild "Ländliches Franken des BR- Nürnberg, wenn sich zwei ehemalige Schulkameraden bei der Kirchweih wiedersehen: "Gröißdigodd Gerch, bannah hättidie nemmer kennt, goud schaust aus, wöi gäihts der nou allerwal?" Dabei verspürt die Jugendfreundin einen leichten Stich in der Herzgegend und denkt sich im Stillen: "Allmächticherna, sua dadderets Hutzlmännla is der ezterla wurn." Und er sagt: "Do schau her, di Rettl! Mier gäihts net schlecht, un du bist goanet ölder wurn", während sich in seinem Hirn Entsetzen breit macht: "Ojessersna, a gscheid alds Trumm is etzerla, un woar amol sua Äidibritschn."
 
Aber es gab auch Stunden, Tage, voll leiser Melancholie im Leben der Dichterin, die in ihr Werk einfloss: "Schreiben ist die einsamste Arbeit der Welt, ich will keine andere Arbeit haben," lesen wir in ihren Nachlassnotizen. Stunden, in denen sie an sich selbst, an ihrer Arbeit, an ihrem Leben zweifelte und litt. Sie, die an sich selbst höchste Ansprüche stellte, sowohl ethisch, als auch moralisch, sowie in ihrer Arbeitsdisziplin, wurde immer wieder, wie es in ihrem Roman "Feuer heilt" heißt:"verletzt, getäuscht, enttäuscht".
 
"Ich habe keinen (Mann)", schreibt sie in ihren Nachlass-Notizen, vielleicht glaube ich deshalb an die alte, altmodische Liebe. Weil der Traum, den jede Frau träumt, nie abgenutzt wurde, vom Alltag, den Erfahrungen, die sich summieren, denen keiner entgeht." Worte einer Einsamen, die ihr Leben lang an der Vorstellung einer utopischen Liebe festhielt, Stimmungen, die sie verhalten in lyrische Bilder umsetzt, ihre Innenwelten gleichsam in sprachliche Bilder gießt, fast möchte man sagen "malt". "Es war Herbst", schreibt sie in ihrem Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern". "Morgens verhüllten undurchdringliche Nebel das Dorf. Der Wind jaulte um die Häuser und Krähenschwärme hockten in kurzgeschnittenen Wiesen - wurden heimisch in den störrischen Skeletten halbentlaubter Bäume. In der luziden Melancholie des Novemberlichts erstarben die Hell-Dunkel-Töne."
 
Wir sind heute zusammen gekommen, um einer Frau zu gedenken, deren Werk weit davon entfernt ist, als Literaturkonserve zu verstauben, denn sie war "zeitgemäßer als die Zeitgemäßen", wie Ingeborg Drewitz schreibt, mit einer geradezu visionären Kraft.
Schon sehr früh zeigte sich, dass Elisabeth Engelhardt, die 1925 in dieses 400-Seelendorf Leerstetten hineingeboren wurde, anders war als die Menschen ihrer Umgebung. Ihre doppelte Begabung, das Schreiben und Malen, hob sie heraus aus dem bäuerlichen Milieu und wies ihr zwangsläufig eine Außenseiterrolle zu. "Ich ging durch ein Bad von himmelhohen Feuern", legt sie der Hauptfigur Genoveva in ihrem ersten Roman "Feuer heilt" in den Mund und meint doch sich selbst. Der Feuerweg war ihr aufgrund ihrer Begabung vorgezeichnet.
Man bewunderte sie, hielt aber im Allgemeinen Distanz. Die Interessen der Bauerntochter lagen jenseits der Alltagsgespräche und Themen ihrer Umgebung.
 
Nicht zuletzt mit ihrem zweiten Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern, für den ihr Heimatdorf Leerstetten unverkennbar Modell stand, hat sie ihrem Dorf ein literarisches Denkmal gesetzt: "Früher mussten wir unser Wasser aus dem Brunnen pumpen, heute ragt unser Wasserturm ins Land, ein Wahrzeichen. Wir haben ein weithin sichtbares Kunstwerk anbringen lassen von der Hand eines Künstlers: den Meergott Neptun, der aus den Wellen steigend, seinen Dreizack erhebt... Großer Gott, haben wir einen großen Wasserturm."
 
Wir verdanken der Autorin die Aufzeichnung einer stürmischen Gemeinde-Epoche, als der Bauboom auch dieses, damals noch verträumte, fränkische Dorf erreichte. Die bittere existentielle Not der Bauern hatte bald ein Ende, Not, von der die heutige Generation kaum etwas weiß:"Geld schlug schon immer einen großen Bogen um dieses Dorf. Nur die Not hüpfte am Fensterbrett, jahraus, jahrein. Erst nach hundert Jahren, so Gott will, dass sie verschont bleiben vom Borkenkäfer... bringen die Wälder Gewinn. Abhängig vom Himmel: Ob Getreide und Kartoffeln, Gras, Tabak und Rüben die Mühe lohnten, fünfzehn Stunden am Tag ... weil dieses Land niemals üppige Ernten eintrug und von keinem, der es mit ihm aufnahm, Reichtümer versprach, aber auch keinen verhungern ließ", analysiert Engelhardt die Situation ihres Dorfes, bis der Bauboom eine neue Zeit einläutete.
 
Diese rege Bautätigkeit, von einer Wohnungsbaugesellschaft in Angriff genommen, führte zu revolutionären Umbrüchen. Die Einwohnerzahl versiebenfachte sich. Heute wohnen auf dem Gemeindegebiet von Schwanstetten rund 7.500 Einwohner. 1978, im Zuge der Gebietsreform, wurden das Dorf Leerstetten und der Markt Schwand unter dem Namen Schwanstetten zu einer Einheit zusammengefasst.
 
Die meisten Bauern wurden durch Landverkauf Landwirte ohne Land, alte bäuerliche Sozialstrukturen zerbrachen, neue vorstädtische Denkweisen und Lebensformen prallten auf Althergebrachtes. Die Autorin hat mit ihrem Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern" nicht nur eine Entwicklung dokumentiert, die sich so oder ähnlich in allen Teilen der Bundesrepublik abgespielt hat, sondern sie hat auch eine behutsamere Siedlungspolitik, die Altes bewahren und Neues sinnvoll integrieren will, angemahnt und den Anstoß dazu gegeben.
 
"Halbwegs zwischen den beiden Dörfern Hüttenbusch und Meisenlach blieb ein Restbestand Föhren, den sie hüten würden wie ihren Augapfel, um noch ein paar Wipfel über sich rauschen zu hören..." Nachdenklich stimmende Worte aus Elisabeth Engelhardts Dorfroman.
 
Was reizte mich an diesem Leben der Bauerntochter, dass ich fünf Jahre lang am Nachlass forschte, Zeitzeugen befragte, ihre Bücher las und interpretierte, sowie ihre, im Elternhaus noch vorhandenen Gemälde, bewertete? Zunächst war es die ungewöhnliche Konstellation - eine Bauerntochter, die schrieb, seit sie schreiben konnte. Immer tiefer geriet ich in die Geheimnisse dieses ungewöhnlichen Lebens und wollte dessen Hintergründe erforschen, den Wurzeln ihrer Schreibmotivation nachspüren, ihren harten Werdegang als Schriftstellerin nachzeichnen und die Nahtstellen zwischen Leben und Werk frei legen.
 
Geboren wurde Elisabeth Engelhardt am 11. März 1925 als älteste Tochter des Kleinbauern Georg Engelhardt und seiner Frau Marie in Leerstetten. Vier Geschwister folgten noch. Nur noch der Jüngste, Wilfried, ist am Leben. Über ihre Bauernkindheit schrieb sie:"Wir bekamen längst nicht alles, was wir haben wollten und mehr, als man für Geld kaufen kann... Solange ich klein genug war, ließen mich (die Eltern) streunen, wohin ich wollte...Später musste ich mithelfen, wie alle Bauernkinder." In der einklassigen Dorfschule unterrichtete Carl Dürr Jahr für Jahr zwischen 80 und 100 Kinder. Der Lehrer erkannte schon früh die sprachliche und zeichnerische Begabung der späteren Autorin und Malerin. Nach sieben Jahren Dorfschule, einem Intermezzo am Wolfram von Eschenbach-Gymnasium in Schwabach, wo sie wegen mangelnder Kenntnisse in der Mathematik scheiterte, dem Besuch der Haushaltungsschule in Roth und der Teschner-Schule in Nürnberg, wo sie eine kaufmännische Ausbildung erhielt, inklusive Stenografie und Maschinenschreiben, ging sie, nach einer Ausbildung zur Funkerin, nach Stade bei Hamburg zum Kriegseinsatz, wo sie von weitem den Feuerschein der brennenden Stadt beobachten konnte.
 
Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrte sie heim - und begann zu malen. Der Bühnenmaler Paul Heininger, dessen Wohnung in Nürnberg ausgebombt war, richtete sich ein Atelier in Furth ein, einem winzigen Dorf in der Nähe von Leerstetten. Er unterrichtete seine Schülerin Elisabeth in Kulissen- und Landschaftsmalerei. Später verschaffte er ihr einen Arbeitsplatz als Kulissenmalerin und Dekorationsnäherin an den Städtischen Bühnen in Nürnberg. Neben ihrem eher düsteren literarischen Werk setzen ihre Gemälde einen Kontrapunkt - fangen die fränkische Landschaft mit ihrer Sonne, den hellen Föhrenwäldern, Wiesen, Bächen, Weihern und Äckern, den Bauernhäusern und historischen Gebäuden ein - der Mensch, den sie in ihrem Nachlass-Roman "Ein Schatten fällt von den Hügeln" als Krone und Abszess der Schöpfung bezeichnet, fehlt auf nahezu allen Bildern.
 
In jenen Nachkriegsjahren begannen ihre Wanderjahre, Reisen in fast alle europäischen Länder, die sie, fast immer allein, zunächst mit dem Fahrrad,  später mit dem Motorroller, unternahm. Reisen, die ihren Horizont erweiterten und ihr eine zeitweilige Freiheit aus dörflicher Enge und familiären Zwängen boten. Mit ihrer Fähigkeit, dem Volk aus Maul zu schauen und ihrem Sinn für Situationskomik, schilderte sie in ihren nachgelassenen Reisenotizen eine Begegnung während ihrer Jugoslawien-Reise mit einem heruntergekommenen Subjekt, das noch die glorreiche k.u.k.-Monarchie erlebt hat: "Gnädige Frauu...Hob schon bessere Zeiten gsehgn, glaams mir. Hob olles ghabt, Haus und Göld unter dem seligen Kaiser Fraanz. Ich schäm mich ja so, gnädige Frauu! Trau mirs gor nicht sogn, wie ich mich schäm, olles hin, olles...Hätt niemals gedacht, dass ich betteln gehn müsst...wanns mir ein paar Schillinge gem möchtn...gnädige Frauu" Das Schlitzohr erhält schließlich ein paar Schillinge aus Elisabeth Engelhardts äußerst schmaler Reisekasse.
 
Pendeln zwischen Dorf und Ferne, zwischen Malersaal an den Städtischen Bühnen Nürnberg und Schreibtisch, zwischen Feldarbeit und literarischem Parkett. Das Pendlerschicksal einer berufstätigen Mutter hat sie atmosphärisch dicht in ihrer Erzählung "Zwischen 6 und 6" eingefangen. Dieser Titel "Zwischen 6 und 6" wurde auch zum Buchtitel mit z.T. nachgelassenen Erzählungen, den Inge Meidinger-Geise posthum herausgegeben hat. Die Erfahrungen des Pendelns zwischen Dorf und Stadt konnte die Autorin täglich auf ihren Fahrten mit dem Linienbus sammeln:"Da ist ein Gedränge, weil der Einarmige eine Frau vom Schwerbeschädigtenplatz jagen will, die ihn ankeift:<Sie mit ihrem Arm können freilich nicht stehn...> "An der nächsten Haltestelle drängen sie herein und an der übernächsten und wenn der Bus vollgepackt ist, werden immer noch welche dazu gepackt, wir wollen auch in die Arbeit, schreien sie draußen, Jesus, haben wir einen Zirkus."
 
Mit ihrem Roman "Feuer heilt" gelang ihr schließlich der Durchbruch. Im gesamten deutschsprachigen Raum nahm die Kritik den Engelhardt-Roman sehr positiv auf. Die Autorin war inzwischen fast vierzig Jahre alt. Zwanzig Jahre habe sie für den elterlichen Dachboden geschrieben, gestand sie. Jedes Manuskript, das sie an einen Verlag geschickt hatte, kam postwendend wieder zurück. Rückblickend sagte sie, dass die Romane, die sie vor "Feuer heilt" geschrieben hatte, nur Fingerübungen waren. Bei ihrem ersten veröffentlichten Roman "Feuer heilt" sprach die Kritik von einem meisterlichen Erstling. Es ist ein historischer Rahmenroman, der das Schicksal der Außenseiterin Genoveva erzählt, einer Kräuter- und Heilkundigen, in einem fränkischen Dorf an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, die durch Verleumdungen und Denunziationen in die Mühlen eines Hexenprozesses gerät. Ihr Enkel findet die vergilbten Blätter seiner Ahnin, auf denen diese ihr Leben aufgeschrieben hat.
 
Der Leser kann den Lebensweg dieser zutiefst Einsamen nachempfinden, über die Stufen der Verfolgung, Schuld und Sühne, ihrer leidenschaftlichen Gottessuche, bis hin zu ihrem endgültigen Scheitern / vor den Menschen / aber nicht vor Gott. Genoveva, die anders ist als die Menschen ihrer Umgebung, jäh, stolz, wissensdurstig, unzugänglich, die sich verzweifelt über ihr Anderssein den Kopf zerbricht:"Ich frage mich, warum ich anders bin als die andern / warum ich mit einer gefährlichen Mitgift geschlagen bin / die andern aber nicht / ich gebe sie an euch zurück / Teufel oder Gott / aber ihr nehmt sie nicht an."
 

Der Roman besticht durch seine harte Realistik in der Darstellung des fränkischen Bauernmilieus, der atemlos drängenden Spannung der Sprache, der auf genauen Studien beruhenden Schilderung des Hexenprozesses, sowie der eingestreuten Visionen, eigenartig und fremd, wie die eines biblischen Sehers."
Es sind Visionen von höchster Intensität und Bildhaftigkeit, die den Leidensweg Genovevas symbolisieren.
 
Es stellt sich die Frage: Ist das Buch "Feuer heilt" nur ein historischer Roman oder sprengt er seine zeitliche Begrenztheit? Eine Textstelle belegt die Zeitlosigkeit des Werks:
 
"Jedes Jahrhundert hinterlässt seine Walstatt
in jedem Jahrhundert erzittern die Menschen
vor den Schlachthäusern des Wahns...
Die Holzstöße brennen wie ehedem
von anderen Generationen angefacht
unter anderem Namen
gestern war die Menschenseele
zum Hexenbrand fähig
wen wir sie morgen auf die Scheiterhaufen schleppen?"
 
Hexenverfolgung, Verfolgung von Außenseitern, Minderheiten oder Andersdenkenden ist nur eine Variante ein und desselben abgründigen Verhaltens - angefangen von den Christenverfolgungen im alten Rom, über mittelalterliche Inquisition, Holocaust oder Apartheidspolitik bis hin zu unserem aktuellen Zeitgeschehen.
Die Forderung der Autorin nach einer humaneren Welt, in der auch
Außenseiter und Minderheiten einen menschenwürdigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen, lässt sich als Credo aus ihrem Romanerstling ableiten.
Im Jahr 1967 verlieh ihr die Stadt Nürnberg den Förderungspreis für Literatur. Hermann Glaser stellt in seiner Laudatio den Roman "Feuer heilt" den Werken von Annette von Droste-Hülshoff an die Seite.
 
Schon im Jahr 1965 gelang die Verbindung zur Dortmunder Gruppe 61, die sich der künstlerischen Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt verschrieben hatte. Elisabeth Engelhardt knüpfte wertvolle Kontakte zu bekannten Autoren wie Max von der Grün, Günter Wallraff, Wolfgang Körner und Angelika Mechtel. In den Erzählungen, die in jenen Jahren entstanden, wie "Zwischen 6 und 6", "Die Rente" und "Unter vier Augen" setzte sich die fränkische Autorin mit den Problemen der industriellen Arbeitswelt auseinander, eine Arbeitswelt, die den Menschen seines Menschseins beraubt, ihn zu einem geistlosen Wesen reduziert, das dem Diktat der Maschine  unterworfen ist. Gleichzeitig übt sie Sozialkritik, die sie geschickt in Dialoge, Monologe und Handlungsabläufe verpackt. Max von der Grün sagt über ihr soziales Engagement:"Engelhardt ist eine Frau, die soziale Nöte sieht, ihnen nachspürt, anklagt, ohne eine Anklage auszusprechen."
 
Auch dem Verband Fränkischer Schriftsteller trat die, inzwischen bekannte, Schriftstellerin Engelhardt bei und nahm regelmäßig an den Tagungen teil. Es entstanden Freundschaften mit Irene Reif und Margarete Zschörnig.
 
Im Jahr 1970 gab Elisabeth Engelhardt die überarbeiteten Erzählungen einer unbekannten Mutter von anno 1818 unter dem Titel "Und Idas Thränen fließen in die Tasse" heraus, wobei sie eigene ironische Kommentare einflocht. Heute lesen sich diese Erziehungsratschläge wie eine Sammlung herrlichster Stilblüten.
 
Immer wieder sind es geschundene Kreaturen, Außenseiter, die das menschliche und künstlerische Interesse der Autorin erregen, so auch in dem 1972 publizierten Erzählband "Johanna geht", einer Sammlung fünf skurriler Frauenportraits. Makabrer Humor glimmt auf, wie in der Erzählung "Walpurgas Nächte", wenn die steinalte kauzige Wilddiebin nachts in den Bergen ihr Unwesen treibt und aus Versehen zwei angesehene Bürger erschießt.
 
In der Titelerzählung "Johanna geht", der Geschichte einer alten Frau, die, während sie monatelang im Krankenhaus liegt, um Hab und Gut gebracht wird, reißt die Autorin den sich - nach außen hin - besorgten Angehörigen die verlogene Maske herunter und dahinter kommt hemmungsloser Egoismus wie eine hässliche Fratze zum Vorschein.
 
Die Erzählung "Es war einmal ein Denkmal" geht der Frage der kollektiven Schuld nach. Eine Putzfrau in einem Bürohaus wird für ihre Arbeitskollegen zum willkommenen Objekt grausamer Späße. Heute würde man von Mobbing sprechen. Lassen wir die arme Person selbst zu Wort kommen:"Bin runter in den Keller...habe mich in einen alten verstaubten ...Schrank verkrochen, mich eingerollt wie eine Katze, die was Dunkles, Kaltes zum Alleinsein, zum Sterben sucht..., so verletzt war ich." Schließlich wird die wehrlose Frau durch das eiskalte Spiel ihrer Kollegen in den Selbstmord getrieben. Wer trägt die Schuld? "Sie war selber schuld", sagt ein Kollege ungerührt.
 
Auch in diesen Erzählungen flammt das Motiv "Ich ging durch ein Bad von himmelhohen Feuern" auf. Indirekt übte die Autorin Kritik an einer Ellbogengesellschaft, in der Alte, Kranke, Behinderte und Außenseiter keinen Platz haben, weil sie den Normen der heutigen Gesellschaft, gesund, erfolgreich und angepasst zu sein, nicht entsprechen.
 

1974 erschien Elisabeth Engelhardts zweiter Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern", eine ländliche Anti-Idylle. Geschäftstüchtige Grundstücksmakler entdecken das fiktive Dorf Meisenlach, ein Dorf, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, reiben sich schon die Hände in Erwartung eines gewinnträchtigen Geschäfts, nur die Bauern gilt es noch zu überzeugen, dann können die Bulldozer anrollen. "Woher soll das Brot kommen, wenn überall Häuser stehen", fragen sich die Bauern besorgt. Andere wollen die Gelegenheit, schnell zu Geld zu kommen, beim Schopf packen: "Das Geld anlegen, Mietshäuser bauen...Ein Mietshaus trägt mehr als der beste Acker...Ein Haus ist ein Haus."- Der Bauernvogel hockte da, rauchte seinen Knaster, klein, stämmig, starrsinnig, trank sein Bier aus (und sagte):"Zahlen." - "Sie werden auch noch unterschreiben", (sagte der Makler), und versuchte ihm klarzumachen, dass er mit einem Schlag (durch den Verkauf der Äcker) mehr verdiente, als er in seinem ganzen Leben herauswirtschaften konnte, ohne ... auch nur einen Finger krumm zu machen, außer zu seiner Unterschrift. "Ja", sagte der Bauernvogel, "wahrscheinlich, aber das Land wächst nicht nach."
 
Eine neue Siedlung aus Reihenhäusern entsteht, in die alten bäuerlichen Traditionen bricht urplötzlich eine neue Zeit ein. Und eine neue Generation wächst heran, eine Disco- und Cola-Generation, die nicht mehr weiß, was Rau- und Unternächte sind, die das bäuerliche Brauchtum weitgehend ignoriert oder den Sinn solcher Bräuche nicht mehr kennt, dieses fränkische Brauchtum, das Elisabeth Engelhardt literarisch konservierte und auf diese Weise für die Nachwelt erhalten hat. Betonlangeweile macht sich breit, "Wohnkasernen, ausgerichtet in Reih und Glied, eine Zeile wie die andere", so beschrieb die Schriftstellerin die neue Siedlung.
 
Die Bauerntochter Sophie, die inzwischen in der Fabrik arbeitet, denkt zurück, wie es einmal war: "(Sie) dachte an die Fabrik, immer dieselben Handgriffe, stur, tagaus, tagein in derselben stickigen Bude, sicher, man bekommt sein Geld jeden Monat ... aber wie oft wünschte sie sich zurück auf die Äcker, zu den Kartoffelfeuern - als (sie) durch den Rauch rannten, als (sie) dahockten am Rain mit einem Stück Brot, einer Birne, vorbei."
 
In diesem Dorfroman entrollte die Autorin ein düsteres Panorama dörflichen Milieus - mit seinen harten, kernigen Typen, mit seinen Außenseitern wie Hanne und Attur, mit Menschen, die in der Dorfmentalität aufgewachsen sind, von der sie schrieb:"Sie wünschten keinem was Schlechtes. (Aber) es wäre ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, wenn sich (Jimmy) das Genick gebrochen hätte."
 
Am Ende stellte Engelhardt eine düstere Prognose:"Wir schlagen die Wälder nieder, um diesen dicken Fisch auszuweiden... und während wir Fuß fassen in einer neuen Umgebung, Landwirte ohne Land, hypnotisiert von den braunen Riesen (den Tausendmarkscheinen), drohen die Gruben herauf, die wir geschaufelt haben und wir legen uns hinein, einer nach dem anderen."
 
Mitten in Elisabeth Engelhardts rastloses schöpferisches Leben fiel im Oktober 1977 eine Diagnose, die sie und ihre Umgebung wie ein Blitz traf: Gehirntumor. Ein Tumor, der ihrem Feuerleidensweg am 8. August 1978 ein Ende setzte. Nach einer Phase des Aufbegehrens nahm sie gläubig und tapfer ihr Schicksal an.
 
"Ich musste sie fassen, festhalten, meine, unsere Spur, durch die Zeit, ihren Unsinn und Sinn, ihre Schönheit und Qual, durch das einzige Mittel, die Sprache", schrieb sie in ihren Nachlassnotizen. Sie war noch mitten in ihrer Spurensuche, als die Krankheit sie verstummen ließ. Erst bis zur Hälfte hatte sie ihren letzten Roman fertig, eine Familiensaga im dörflichen Milieu vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit unübersehbar autobiografischen Zügen. Modell standen ihre Ahnen und Eltern. Wäre dieser Roman vollendet worden, hätte Elisabeth Engelhardt drei Jahrhunderte fränkische Dorfgeschichte literarisch gestaltet. Dieser unvollendete Roman weist allerdings gewisse Schwächen auf, die Sprache wirkt teilweise hölzern und klischeehaft. Ob diese Schwächen auf ihre Krankheit zurückzuführen sind oder ob die Tatsache, dass sie ihre eigene Familiengeschichte schrieb, ihr gewisse Fesseln anlegte, ist nicht mehr zu eruieren.
 
In zahlreichen Gesprächen mit der Familie, mit Freunden und Kollegen durfte ich erfahren, dass diese stille bescheidene Frau höchste Wertschätzung genoss. Vielen ihrer fränkischen Kollegen war sie treue Weggefährtin, wie Hans Bertram Bock, damaliger Feuilletonchef der Nürnberger Nachrichten, Wolfgang Buhl, damals Leiter der Abteilung Wort des BR-Studio Nürnberg und später dessen Studioleiter, Karl Burkert, der Heimatdichter, Kurt Karl Doberer, die Mundartlyriker Gottlob Haag und Wilhelm Staudacher, Inge Meidinger-Geise, Fitzgerald Kusz, Godehard Schramm, Irene Reif und Margarete Zschörnig. Außer Fitzgerald Kusz, Godehard Schramm und Hans Bertram Bock ist keiner der Genannten mehr am Leben.
 
"Ihr Tod ist ein großer Verlust für die Literatur Frankens", sagte Wolfgang Buhl in seinem Rundfunk-Nachruf - und Gertraud Eberlein, die Ehefrau des damaligen Leerstetter Pfarrers, trifft mit ihren Worten Wesentliches:"Sie ist leise über diese Erde gegangen."
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23. 09. 2018                           Ingeborg Höverkamp
 
Im Anhang auch der Artikel in der Roth-Hilpoltsteiner-Zeitung vom 16.10.2018 Seite 26 Lokales:



Für das Internet bearbeitet und illustriert mit digitalisierten Bildern aus den Fotoalben der Familie, aus Skizzenblöcken und von Gemälden der Elisabeth Engelhardt. Die aktuellen Fotos sind von mir.

Schwanstetten im Oktober 2018

Alfred J. Köhl
 
 
Vortrag Höverkamp