Karl Burkert von Ingeborg Höverkamp

Karl Burkert - der fränkische Rosegger - oder



„Was bleibt, stiften die Dichter"
(Hölderlin)

 

Was ist geblieben von diesem Schwabacher Schriftsteller? Wie ist sein Leben verlaufen was für ein Mensch war er? Was hat er an Literarischem hinterlassen? Und welcher Rang steht ihm in der Literaturszene zu?

Was sein Leben betrifft, gibt es leider nur spärliche Zeugnisse. Seine literarische Hinter lassenschaft umfaßt 22 Bücher und über 400 Erzählungen, die von einer ungebrochenen Schaffenskraft zeugen. Zumindest in der Heimatliteratur spielte er eine nicht unerhebliche Rolle. Immerhin wurde der zu seinen Lebzeiten beliebte und bekannte Autor für seine „Verdienste um Volk und Staat" im Jahre 1976 vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Scheune mit offenem Tor Denn, „was bleibt, stiften die Dichter", schrieb schon Hölderlin. Burkert war der geborene Geschichtenerzähler. In seinen Texten entwarf er ein liebenswertes Spiegelbild seiner fränkischen Heimat, wie sie einmal war, bevor der große Bruch durch die beiden Kriege, durch Technik, Industrialisierung und Zersiedelung der Landschaft alles veränderte. Heimat bedeutete ihm nichts Sentimentales, sie war ihm stets Kraftquelle für sein langes, neuneinhalb Jahrzehnte währendes Leben und reicher Fundus für sein schriftstellerisches Schaffen. Zeitlebens fühlte sich der Tradition Stifters, Mörikes und Roseggers verpflichtet, den Anschluß an die literarischen Nachkriegstendenzen sucht man bei ihm vergeblich. Sein Werk ist durchsonnt von einer idyllisch anmutenden ländlichen Welt: „Damals hab ich den Sonnenträum der fränkischen Kornfluren unvergeßlich in mich gesogen, die Schönheit der Kartoffelblüte, die zarte Musik der Föhrenhölzer, den herben Geruch der Hopfengärten und Tabakfelder, die alte heilige Stetigkeit des Bauerntums, die ganze schüchterne Poesie dieser verhaltenen, sanften Gegend", schreibt er in seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit", die Heinrich Krauß in seinem „2. Heimatbuch" im Jahre 1931 veröffentlichte. Dennoch findet sich immer wieder schicksalhafte Bedrohung in dieser idyllischen, längst versunkenen Welt. Er konnte noch ein Loblied auf die unzerstörte Natur singen, uns Nachgeborenen mutet sein mitunter etwas erhabener Stil zuweilen antiquiert und überhöht an. Burkerts literarische Welt ist mit wunderlichen Käuzen und derb gezeichneten Originalen bevölkert, wie sie damals noch auf dem Lande anzutreffen waren. Stets blitzt hintergründiger, verschmitzter Humor in seinen Texten auf.

 

Wer ein pralles, lebendiges Bild des fränkisch-dörflichen Milieus am Ende des vorigen bis hinein in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts Waldesdickicht sucht, wird bei Karl Burkert fündig. Wie kaum ein anderer hat er es verstanden, nicht nur als getreuer Chronist zu fungieren, sondern auf unterhaltsame, humorvolle, auch das Gemüt ansprechende Art, die dörfliche Lebensweise unserer Altvorderen mit den strengen Sitten, Gebräuchen, krassen sozialen Unterschieden, der tiefverwurzelten Religiosität, dem heimlichen Aberglauben der unvorstellbaren Armut, den harten Arbeitsbedingungen, dem damaligen Schulwesen, der Rolle der Familie und Sippe, sowie der Einbindung des einzelnen in die dörfliche Gemeinschaft, nicht nur zu beschreiben, sondern wieder zum Leben zu erwecken. Viele seiner Erzählungen haben darüberhinaus noch eine unaufdringliche pädagogische Note - sie sind belehrend - ohne belehrend zu wirken. Tiefe Lebensweisheit und Menschenkenntnis sind darin verwoben. Sein Beruf als Lehrer muß ihm wohl auch Berufung gewesen sein. Es wäre wünschenswert, wenn die eine oder andere Erzählung Eingang in bayerische Lesebücher fände.

Seine Geburt fällt in die Zeit des jungen deutschen Kaiserreichs, das nach dem Krieg mit Frankreich 1871 im Spiegelsaal von Versailles gegründet worden war. Es war die Zeit der Nationalstaaten und eines neu erwachten, zum Teil übersteigerten Nationalbewußtseins, das im nächsten Jahrhundert in die Katastrophe zweier Weltkriege münden sollte.

 

Am 28. Januar 1884 wurde Karl Burkert in Schwabach, in der Königsstraße 17, geboren. Er war das fünfte Kind des Lehrers Konrad Burkert und seiner Frau Bertha. Die Hebamme reichte dem Vater den Säugling und meinte: „Man täte gut daran, das Kerlchen bald zu taufen. Viel Leben ist nicht in ihm." Der Vater ging zum Kalender. An diesem Tag stand „Karl der Große" darauf. So erhielt das Kind den Vornamen Karl, eine Sitte, die bis in die Nachkriegszeit im ländlichen Milieu gebräuchlich war. Die Großmutter nahm das Neugeborene zu sich, um, wie sie meinte, der Mutter den Anblick des sterbenden Säuglings zu ersparen. Sie fütterte es mit Ziegenmilch, und es blieb wider Erwarten am Leben. Bis zu seinem Schuleintritt blieb Karl Burkert bei seinen Großeltern in Büchenbach. Der Großvater, ein strenger, wortkarger Mann, war Lehrer, wie sein Schwiegersohn. Durch Schreibarbeiten für die Gemeinde besserte er seine kargen Bezüge auf. Wenn ein neuer Anzug fällig war, gab es für die Familie ein Hungerjahr, weiß Karl Burkert zu berichten. Überhaupt zählte man die Angehörigen des zwar angesehenen, aber miserabel bezahlten Lehrerberufes zu den „Hungerleidern", eine Bezeichnung, die wörtlich zu nehmen ist. Für uns heute schwer vorstellbar, daß es in vielen Familien, wie Karl Burkert berichtet, nicht einmal genug Brot zu essen gab und die Kinder keine Milch bekamen, weil sie zu teuer war. Unterernährung war ein weitverbreitetes Gesundheitsproblem.

 

Der kleine Karl wuchs in einem Erwachsenenhaushalt, ohne Geschwister, bei den Groß­eltern auf. So reagierte er auch äußerst sensibel, als er eingeschult wurde. Sobald der Lehrer der Klasse den Rücken zuwandte, riß er seinen Schulranzen vom Haken und rannte heim, nun zu seiner Mutter und den Geschwistern. Schließlich hatte er eine doppelte Lebensumstellung zu bewältigen. Seine Familie in Schwabach war ihm zwar nicht völlig fremd, aber auch nicht sehr vertraut, und die vielen neuen Kinder in der Schule ängstigten ihn.

 

Schulhaus gezeichnet von Wolfgang Dinkler Inzwischen war die Burkert'sche Kinderschar auf acht gewachsen, und das Leben in der Stadt wurde für die Familie, selbst bei größter Sparsamkeit, unerschwinglich. Konrad Burkert meldete sich für die freigewordene Lehrerstelle in Leerstetten. Dort konnte die große Familie für ein paar Mark im Schulhaus wohnen und im Schulgarten Kartoffeln und Gemüse anbauen und Obst ernten.

 

Die Ankunft in Leerstetten ist Karl Burkert sehr klar im Gedächtnis geblieben. Es war an einem trüben Herbsttag, erinnert er sich, als die wenigen Möbel vom Fuhrwerk abgeladen wurden und die Lehrerskinder verängstigt im Schulhof standen. Da tauchten plötzlich Buben aus dem Dorf auf und bewarfen die Neuankömmlinge mit Futterrüben. Doch nun geschah das für die Dorfkinder völlig Unerwartete. Die Lehrerskinder warfen nicht etwa die Futterrüben zurück - man hatte ja so etwas wie eine Machtprobe mit den „Neuen" provozieren wollen - sondern die ausgehungerten Burkert-Kinder sammelten die Rüben eifrig auf, zerteilten sie mit einem Messer und aßen sie auf. Da liefen die Dorfbuben fort und bald ging es von Mund zu Mund: „Der neue Lehrer ist aufgezogen. Er hat viele Kinder. Sie essen Waischrüben, Waischrüben, die man sonst dem Vieh vorwirft."

 

Diese Episode ist in zweierlei Hinsicht aufschlußreich, zeigt sie doch einerseits die unvorstellbare Armut der Lehrersfamilie, aber auch ein gewisses Überlegenheitsgefühl der Bauernkinder. Im dörflichen Milieu zählte nur Landbesitz, und die Lehrersfamilie gehörte zu den Besitzlosen.

 

Doch trotz Armut und harter Lebensbedingungen erzählt Karl Burkert mit Freude und Humor von seinem Kindheitsdorf. „Meine eigenen Siedelweiher Geschichten dichtete ich mir zusammen, wenn ich einsam bei meinen Gänsen war... Sommers trieb ich sie eine halbe Stunde über die Dorfhecken hinaus und hin nach dem verträumten, waldstillen Weiher... Wasserrosen, Rohrkolben und Libellen, die Frösche in den Binsen und der Kuckuck im nahen Holz, das war so meine Gesellschaft", schreibt er in seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit". Mit Liebe und tiefem Verständnis beschreibt er die Menschen im Dorf, Bauern, Knechte, Mägde und Taglöhner. Es ist seine Lausbubenwelt, die voller Über­raschungen und Abenteuer ist: „Wir feierten die Schneeglöckchen, die Brombeeren, die Waischrüben, die Kartoffelfeuer. Hinter jeder Stalltüre, hinter jedem Heustock witterten wir ein Geheimnis. Jeder Schupfen, darunter die Waldstreu lagerte, ward zu einem Ort der Erlebnisse... Auch seh ich noch deutlich den Kunzbauern vor mir und wie er, das Bewußtsein seiner 200 Morgen (Land) im Gang, allabendlich im Zwielicht nach dem unteren Wirtshaus hinunterschritt, einen Ranken roggenes Brot in der Hand, ein Stück Dörrfleisch und ein breites, blankes Messer." Burkert ist der getreue literarische Chronist dieser versunkenen Welten.

 

Mit einem fast lyrischen Ton setzt er Naturbilder und Impressionen in verhaltene Poesie um. In seinen autobiographischen Erzählungen aus seinem Kindheitsdorf, die den Titel „Auf frühen Wegen" erhielten und im Jahre 1964 veröffentlicht wurden, schreibt er: „Die Dorfstraße war überfroren, der Acker taute nicht mehr an, die Wiesgründe versanken in Starre. Am Morgen stand die Sonnenkugel trübrot und dunstig über den bereiften Wäldern. Ihren kargen Schein schleppte sie wie einen vergilbten Vespermantel durch die ausgedarbten, schmalwangigen Mittagsstunden. Alle Tage ein Streckchen früher verschwand sie, ein ungelöstes Welträtsel, drüben über dem uralten Heidenstein hinter die Hügel, Jäh wuchs die Nacht in die Stuben... Man schlug früh die Augen auf, und das Kirchdach und die Schulscheune waren weiß... Und dann schneite es wieder, und die ganze Welt schmeckte auf einmal nach lauter Schnee... Und die Brunnen wurden immer verzagter. Zittrig klingelte ihr Strahl. Vom Brunnenmaul hing ein Eisbart. Die Deichtel stak in einem Strohmantel. Der Pumpenschwengel knarzte vor Frost. Der Gockel spreizte sich im Hühnerloch, zeterte mit den Hennen und getraute sich nicht mehr heraus... Die Bauernstuben brodelten vor Wärme, aber nur selten lag noch ein messinggelber Sonnenstrahl über dem Tisch. Die Tage wurden immer verschlossener. Wie Nüsse waren sie, wie Wundernüsse, darin ein Geheimnis verzwickt liegt."

 

Burkerts Kinderjahre fanden vielfältig Eingang in sein literarisches Werk. Wir dürfen sie zwar autobiographisch werten, es ist jedoch ein zur Literatur stilisiertes Leben, wie wir es auch aus Goethes „Dichtung und Wahrheit" oder aus Bettina von Arnims „Briefwechsel mit einem Kinde" kennen. Die Kinderjahre in Leerstetten werden im Alter von Burkert zu seinem „verlorenen Paradies" stilisiert, so lautet auch der Titel seiner Erzählungen. In der alles vergoldenden Erinnerung mutieren das Leben und die Menschen zuweilen zu einer schwärmerischen Idylle. In seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit" setzte er dem winzigen Walddorf Furth und den dort lebenden Köhlern ein literarisches Denkmal. „Überhaupt bedeucht mich", schreibt er, „als hätte ich in jenen Tagen nur heitere und frohgemute Menschen gesehen. Wird wohl anders gewesen sein. Die Zeit wird manchen dunklen Fleck in meiner Erinnerung getilgt haben, so daß nun alles so lieb und warm, so hell und farbig dasteht. Ist mir doch auch, alle die Sommer seien länger, sonnenbeschenkter und lichtseliger gewesen, die Winter verläßlicher, klirrender und schneereicher, der Himmel inniger und gütiger, die Erde grüner und blühender... „

 

Dieses Phänomen kennt jeder, der sich seiner Kindheit erinnert, und dem Erinnernden erscheint die Kindheit rückblickend als „verlorenes Wald Paradies". Karl Burkert hat auch die Aura um einen alten Berufsstand literarisch konserviert, der auf der ganzen Welt so gut wie ausgestorben ist, den der Kohlenbrenner oder Köhler, nur im benachbarten Furth leben noch einige. In seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit" wird deutlich, daß der überaus karge Ackerboden die Bauern zu einem Nebenverdienst zwang: „Der Michel war einer aus dem Holz heraus. Furth schrieb sich das verriegelte Dorfnest, wo er daheim war. Ein flinkes kieselhelles Wasser, der Hembach, sprang nahe bei den Föhren hervor. Der Sand lag hier noch dürrer und trostloser denn anderswo. Das Korn, das man dem armen Acker vertraute, kam so schütter in die Höhe, daß sich das Reh darin nicht verhehlen konnte. Kaum zum Brot wollte es auslangen. Aber Wälder gab es da, unsinnig viele Wälder. In einem einzigen Strich liefen sie gegen Morgen bis in die obere Pfalz hinein. Es war so recht eine Gegend, wo sich Fuchs und Has Gutnacht sagten. Die Kohlenbrenner hatten hier ihr Wesen. In weitem Ring schwelten die Meilerstätten ums Dorf, da und dort mit blauem Gekräusel über den Bäumen. Ein rässer Brandgeruch lag fast immer um die paar verlorenen Höfe. Die Wäldlerkinder, so oft sie den weiten Weg zur Schule kamen, trugen diesen verflixten Rauch in ihren Kitteln, und noch den Toten, wenn sie sich schon im Sarg streckten, brändelte es ein bißchen im Bart. Auch ihre harzigen Kohlenbrennerhände wollten nie und nimmer weiß werden."

 

Seine um zwei Generationen jüngere Leerstetter Kollegin Elisabeth Engelhardt, schreibt in ihrem 1974 veröffentlichten Roman „Ein deutsches Dorf in Bayern", in dem sie -literarisch verfremdet - den Untergang der bäuerlichen Kultur, der sozialen Bindungen und der altfränkischen Siedlungsweise kritisch darstellt." ... die Vergangenheit war begraben wie eine müde alte Frau. Die Äcker und Ackerknechte, die Köhler und der Köhlerglaube, Glaube und Aberglaube und (die Bauern selbst) gingen auf in einer alles egalisierenden Hefemasse."

 

Von 1897 bis 1900 besuchte Karl Burkert die Präparandenschule in Wassertrüdingen zur Vorbereitung auf den Lehrberuf. Bei der Aufnahmeprüfung zeigte sich, daß er im Fach Religion gut vorbereitet war, in den anderen Fächern traten jedoch Mängel zutage. Er wurde trotzdem aufgenommen. Sein Vater hatte ihm gedroht. „Wenn sie dich nicht behalten, kommst du als Müllersbursche auf die Erichmühle bei Großschwarzenlohe." Der junge Burkert wohnte in Wassertrüdingen bei einem Handwerksmeister „in Kost und Logis", wie man damals sagte. Seine Kost bestand hauptsächlich aus „Einbrennsuppe, Erbsenbrei und Kartoffeln", erinnert sich Karl Burkert.

Im Jahre 1901 trat er - 17jährig - ins Lehrerseminar Schwabach ein, das von Seminardirek­tor Helm geleitet wurde. Einer der Seminarlehrer war Johannes Kern. Zwei Namen von Schwabacher Schulen erinnern noch heute an diese zwei Persönlichkeiten, die viele Gene­rationen von Lehrern ausgebildet hatten, die „Helmschule" und die „Johannes-Kern-Schule" Ab 1902 arbeitete Burkert an verschiedenen mittelfränkischen Schulen als Hilfslehrer.

Nürnberg Paniersplatz

1907 heiratete er in Feuchtwangen Wilhelmine Rupprecht. Ab 1908 unterrichtete er in Nürnberg. Im selben Jahr wurde auch seine erste Tochter Isolde geboren, die später Gymnasialprofessorin werden sollte. 1914 folgte die zweite Tochter Gisa, die später Rektorin an der Volksschule in Dinkelsbühl wurde.

 

Damals wurde das junge Familienglück durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstört. Der Stabsarzt hatte Karl Burkert zwar bei der Musterung im Jahre 1908 für untauglich erklärt: „Zu schmal, zu schwächlich, jahrelange Unterernährung, nicht fest auf der Lunge", so sein Urteil, doch im Jahre 1914 wurde der junge Familienvater trotzdem eingezogen.

 

Als Leutnant und Kompanieführer diente er an der Westfront. In dieser Ausnahme­situation, als Tausende um ihn herum auf oft qualvolle Weise starben, beginnt Karl Burkert zu schreiben. Seine erste Erzählung entstand; „Der eine oder der andere Reiter" war der Titel. In seiner Kindheit war es das Glück, das ihn zu „ersten Versen" inspirierte, so der Titel einer Erzählung, in der er schreibt: „Ich war Poet geworden, wie jeder, der ein großes Glück geschenkt bekommen hatte." Er hatte sich heftig in die Förstertochter verliebt.

 

Seine erste Erzählung „Der eine oder der andere Reiter" wurde in der Feldzeitung ab­gedruckt. Vorgesetzte waren auf Karl Burkert aufmerksam geworden und holten ihn gegen Kriegsende als Presseoffizier zum Großen Generalstab nach Charleville.

 

In hohem Alter verarbeitete er seine Kriegserlebnisse literarisch in seinem 1975 publi­zierten Buch „Augen, blau wie Flachsblüte". 1918 kehrte er leberkrank aus dem Krieg zurück. Nach seiner Genesung nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf.

 

Sein ehemaliger Kriegskamerad Dr. Fridolin Solleder, damals Direktor des Staatsarchivs in Nürnberg, verhalf ihm zum Druck seiner ersten beiden Bücher: „Am fränkischen Grenz­stein" und „Der heilige Veit". Das erste Buch erschien 1926. Burkert war damals 42 Jahre alt.

 

Am Friedhof Im Zweiten Weltkrieg wurde seine Nürnberger Wohnung ausgebombt. 1946 ging er in den Ruhestand. Er baute sich in Veitsweiler bei Dinkelsbühl ein Landhaus, wo er in Zurückgezogenheit und Bescheidenheit seinen Lebensabend verbrachte - zwischen seinen Blumen und Büchern - umsorgt von seinen beiden unverheiratet gebliebenen Töchtern. Seine Frau war schon im Alter von 66 Jahren gestorben. Erst nach seinem 90. Lebensjahr stellten sich die Beschwerden des Alters ein. „Ich bin ein Wanderer, müde geworden auf der Bahn des Lebens", ist eine seiner Äußerungen in den letzten Jahren. Am 16. August 1979 starb er im Alter von fast 96 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Dorffriedhof von Veitsweiler. Die Gemeinde Leerstetten ehrte den Heimatschriftsteller mit der Benennung einer Straße nach seinem Namen.

 

Aus Karl Burkerts literarischem Werk ist eine erstaunliche, zuweilen augenzwinkernd-humorvolle, mitunter anrührend-ernste Einfühlsamkeit zum bäuerlichen Milieu erkennbar, erstaunlich deshalb, weil er diesem Milieu nicht angehörte, während die Bauerntochter Elisabeth Engelhardt in ihren Texten ein sprödes, düsteres Erfahrungsbild einer persönlich Betroffenen panoramaartig entrollt.

 

In seinem Bemühen, das Positive der Provinz zuweilen mit lyrisch-verklärendem Ton darzustellen, erinnert mich Karl Burkerts Prosa an den drei Generationen jüngeren Nürn­berger Autor Godehard Schramm. Schramm, ebenfalls Sohn eines Lehrers, schildert in seinem Text „Mein Kindheitsdorf" seine Kindheit in Thalmässing und in seinem 1981 publizierten Buch „Ein Dorf" fängt er das bäuerlich-fränkische Milieu in seinem Zweitwohnsitz Neidhardtswinden ein.

 

Wie sehr Aberglaube, aus uralten heidnischen Quellen gespeist und jahrhundertelang von der Kirche vergeblich bekämpft, zur Zeit Karl Burkerts zum durchaus selbstverständlichen alltäglichen Gedankengut auf dem Lande gehörte, kristallisiert sich u. a. in seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit" deutlich heraus. Dörflicher Aberglaube, der bis in die Lebenszeit Elisabeth Engelhardts hineinwirkte. In Ihrem spannenden Hexenroman „Feuer heilt" schildert sie das abergläubisch-dörfliche Milieu in einem historischen Kostüm. In Burkerts Fuhrwerk Erzählung taucht gar der Teufel persönlich auf: „Aber am Abend oder gar in der Nacht war es im Espan nicht mehr geheuer. Da geisterte droben in der Luft die Himmelsziege umher, schreckte die Leute mit Ihrem Keckem und Meckern, und... um... die Tümpel huschte der Irrwisch... Die durstigen Bauern, wenn sie auf ihren Wäglein spät von Nürnberg heimklapperten und die Holzkohlenführer, die bald nach Mitternacht den Schlaf aus den Augen reiben mußten, hatten da ihre liebe Not. Die geschwinden fahlblauen Flämmchen hockten sich den Gäulen auf die Ohren, nestelten sich sogar an die Spitze von Peitschenstecken, und einer, der Nachtrabmichel, wurde darüber so rabiat, ließ das Fuhrwerk Fuhrwerk sein, rannte heim zu seinem Weib, keuchte, „der leibhaftige Beelzebub sei ihm in der Feuchtlach (begegnet)". Unwillkürlich fühlt man sich an die gespenstische Welt in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter" erinnert, die möglicherweise Burkerts Lektüre in der Jugendzeit war.

 

Wissend und milieuvertraut äußerte sich Elisabeth Engelhardt in ihrer Werkstattauskunft zu ihrem Hexenroman „Feuer heilt" auf der Tagung des Frankenbundes auf Schloß Schney im Jahre 1977: „Die Bäuerin geht zwar brav zur Kirche, doch würde sie es nie mit Holden, Unholden, Hausgeistern und Dämonen verderben."

 

Karl Burkert fühlte sich zeitlebens der Tradition Mörikes, Stifters und Roseggers ver­pflichtet, und in dieser Tradition wollen seine Texte auch gelesen sein. Aufschlußreich für die Beurteilung seiner Selbsteinschätzung ist eine Notiz aus dem Nachlaß Elisabeth Engelhardts. Im Jahre 1974 hatte sie ihren zweiten Roman „Ein deutsches Dorf in Bayern" publiziert. Burkert äußerte sich kritisch zu diesem Buch und verweist - wie ein Oberlehrer -auf seine eigenen Bücher. Man muß sich vergegenwärtigen, daß Burkert zwei Generationen älter war als Elisabeth Engelhardt und vermutlich den Zugang zu modernen Stilmitteln, wie sie seine jüngere Kollegin virtuos einsetzte, nicht mehr fand. Trotz allem sei die Fragestellung erlaubt, ob es hinzunehmen ist, daß Karl Burkert in seinen Büchern fast ausschließlich eine fränkische Idylle beschreibt - nach dem Grauen zweier Weltkriege, nach Auschwitz, nach Romanen wie „Draußen vor der Tür" von Borchert, nach dem Grass-Roman „Die Blechtrommel", nach Paul Celans „Todesfuge" und Nelly-Sachs-Gedichten. Wo bleibt in Burkerts Büchern die Gebrochenheit des modernen Menschen, seine innere Heimatlosigkeit, die zunehmende Kälte und Technisierung unserer Welt? Er interessierte sich zwar auch für moderne Autoren wie Grass und Sartre, aber er gab ehrlich zu, daß ihm die Geisteswelt Goethes und Mörikes näher stand. So beschwört er auch in seinem Werk thematisch wie stilistisch „versunkene Welten", die zur Zeit ihrer Publikation bereits Geschichte waren. Stets schöpft er aus einer schier unerschöpflichen Erinnerungswelt. Es scheint mir vom psychologischen Standpunkt aus reizvoll, den möglichen Ursachen seiner rigiden literarischen Rückschau nachzugehen. War es ein Phänomen der Verdrängung des Modernen? Auch sein Rückzug in die ländliche Idylle - nach seiner Pensionierung - scheint da vom Biographischen auf einer Linie mit seiner literarischen Haltung zu liegen. Burkert ist auf seine Weise verstummt, was die moderne Welt und ihre Problematik angeht. Erschütterungen durch zwei Weltkriege mögen dazu beigetragen haben. Er zieht sich real und literarisch in eine Welt zurück, in der noch „Ordnung" und Überschaubarkeit herrschte, eine Welt, die noch vom Chaos unseres Jahrhunderts verschont geblieben war. Immer wieder beschwört Burkert auch eine noch unberührte und unzerstörte Natur: „Ein ungemeiner Zauber lag für mich über diesem Am Siedel Ödland. Das Gras, das hier schob, hatte einen besonderen Duft. Es roch nach Wildnis und Urzeit", schreibt der Autor in seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit". Es ist das Ödland, das auch Elisabeth Engelhardt in ihrem Roman „Feuer heilt" beschreibt, die Wildnis, in der sich die Romanfigur Genoveva vor ihren Verfolgern jahrelang verbirgt: „Wo ich hintrat, knisterte Waldgras, die Luft summte, die ganze Lichtung hing voll tanzender Wolken, winzige Mücken..., meine Füße umwogt von braunem Riedgras, dem fallenden Ufer ins Niemandsland", berichtete der Dorfschullehrer Barthel, Urenkel Genovevas. Elisabeth Engelhardt stand in regem Briefwechsel mit Karl Burkert. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Heute wieder Burkerts „Im Frührot der Kindheit" gelesen - dieses Dorf, wie es war, einfach, herb und herrlich zum Träumen." Im Frühjahr 1976 lädt der greise Burkert seine junge Kollegin zu sich ein. Man sitzt im Garten bei Kaffee und Ku­chen. Die Tochter Gisela umsorgt den Vater und den seltenen Gast. Man bewundert den ländlichen Garten, die Blumen, die Burkert so liebt. Im rastlosen harten Leben von Elisa­beth Engelhardt mag dieser Nachmittag wie das Eintauchen in eine andere, längst ver­sunkene Welt gewirkt haben. Burkert erzählt von seiner Kindheit in Leerstetten. Versuchte er, mit seinem Rückzug in eine ländliche Idylle, längst Vergangenes zu konservieren? Sein Gedicht „September", das an frühe Rilke-Gedichte erinnert, entstand im Jahre 1972, Burkert war 88 Jahre alt. Hier verwebt er eigenes Vergehen in das herrliche Sterben der Natur.

 

 

 

 

 

September

Die weichen Falter sind verschollen,
die Tage grenzen eng sich ein.
Die königlichen Rosen sollen vergehn,
und nicht mehr sein.

 

Traumfein und silbern spinnen Fäden
sich um den abgebrauchten Strauch.
Von all den Düften, jetzt verwehten,
bewahrte sich kein Hauch.

 

Des Baums beladene Gebärde,
ein spätes Bild, das fast bedrückt.
Azurner Blick, geneigt zur Erde:
ein Lächeln, nicht geglückt.

 

Was uns erfüllt, nicht mehr gegeben,
selbst die Gehölze werden stumm.
Bei welkem Wünschen, sanftem Leben,
geht wieder ein September um.

Scheune mit Holunder

Mit zunehmendem Alter stellt sich auch bei ihm das Gefühl der Einsamkeit ein, Alters­beschwerden lassen Melancholie aufkommen.

 

Nun denkst du nicht mehr weit hinaus,

die Wünsche werden klein,

Einhundert Schritte um dein Haus

und das wird alles sein.

 

Bemerkens- und bewundernswert scheint mir hier das „Sich-Fügen" in die Grenzen, die ihm das Alter setzt, kein Aufbegehren ist zu spüren, sondern eine weise Gelassenheit.

 

Als Karl Burkert in Veitsweiler bei Dinkelsbühl zur letzten Ruhe geleitet wurde, zeigte sich die Wertschätzung seiner Person in einer großen Anzahl von Trauergästen. Seine Geburtsstadt Schwabach ließ durch eine Abordnung einen Kranz in den Stadtfarben niederlegen. Schriftstellerkollegen und Mitglieder der Fränkischen Arbeitsgemeinschaft, der er jahrzehntelang angehört hatte, erwiesen ihm die letzte Ehre. Kreisheimatpfleger Dr. Willi Ulsamer sprach den Nachruf am Grabe.

 

Friedhofsmauer

 

 

 

 

In seiner Erzählung „Im Frührot der Kindheit" schrieb Karl Burkert: „In der leichten hellen Erde dieses Totenackers mag auch manch einer mit seinen braven Knochen ruhen, den ich später in meinen Geschichten mit Blut und Leben wieder sich aufrichten ließ."
Wir Nachgeborenen danken ihm dafür.

 

 

 

 

Ingeborg Höverkamp

 

 

Literatur und Quellen:

Karl Burkert, „Auf frühen Wegen", 1964; „Im Frührot der Kindheit" in: „2. Heimatbuch", Hrsg. Heinrich Krauß, 1931; „Augen, blau wie Flachsblüte", 1975; „Am fränkischen Grenzstein",1926; „Der heilige Veit"

Heinrich Schlüpfinger: „Zum Gedenken an den Pädagogen und Schriftsteller Karl Burkert" in: „Schwabacher Heimat", Blätter für Geschichtsforschung und Heimatpflege, Heimatkundliche Beilage zum Schwabacher Tagblatt, Februar 1994

Schwabacher Tagblatt: „Heimat war ihm Herzenssache. Der Schriftsteller Karl Burkert verstarb",

19. Sept. 1979 Fränkische Landeszeitung: „Tief in Franken verwurzelt. Karl Burkert 95jährig gestorben", 18, Sept. 1979

Ernst Bauer: „Karl Burkert 80 Jahre alt", in: „Die Stimme Frankens", 1/1964

Ingeborg Höverkamp: „Elisabeth Engelhardt, eine fränkische Schriftstellerin". Eine Monographie, Hohenloher Druck- und Verlagshaus, Gerabronn, 1994

 

Zusammengestellt und illustriet mit Bildern aus dem Skizzenblock von Elisabeth Engelhardt und einer Federzeichnung von Wolfgang Dinkler.

Schwanstetten im Dezember 2009

Alfred J. Köhl

Karl Burkert - der fränkische Rosegger