Leerstetten - Chronik eines Dorfes

Elisabeth Engelhardt (1925 - 1978)

 

Leerstetten - Chronik eines Dorfes

 

Gemälde von E. Engelhardt

Vor einer Woche habe ich an einem Seminar des Frankenbundes und der Universität Erlangen teilgenommen.

Da wurde in verschiedenen interessanten Referaten festgestellt, dass wir, soweit es die Vergangenheit betrifft, zwar genau Bescheid wissen über das Leben des Adels, über Schlösser und Bürgerhäuser, wir haben lückenlose Dokumente über Handwerker, Gilden, Zünfte. Das Leben in den Städten braucht man nur aufzublättern, aber keiner der Wissenschaftler, die berufsmäßig in Archiven stöbern, kann Auskünfte geben über die Verhältnisse in den Dörfern. Dabei bildeten gerade sie das unerschöpfliche Menschenreservoir der Städte.

 

Doch Dorfbewohner und ihre Geschichte sind weitgehend anonym geblieben. Chroniken sind praktisch nicht vorhanden oder stammen aus jüngerer Zeit. Wer hätte sich auch die Mühe gemacht, aufzuschreiben, wie es war, wie es zuging. Die einzige Chronik war das Gedächtnis der alten Leute. Mündliche Überlieferungen lebten ein paar Generationen weiter - und wurden vergessen. Leerstetten machte, leider, keine Ausnahme.

 

Was Großvater, Großmutter erzählten, die Enkel haben es noch gehört, aber an deren Enkel wieder blieb kaum etwas haften, kaum eine Spur.

So sollte ich lieber zuhören, was sie zu sagen wissen. Da es aber andersherum gehen soll heute, möchte ich wenigstens das sagen, was ich weiß.

 

Vergessen wir unser bekanntes Leerstetten, drehen wir an der Zeitenuhr, stellen wir sie, im Geist ist alles möglich, um tausend Jahre zurück, denken wir Häuser, Straßen, Kirche, alles weg, nur der Wald bleibt, und für den Anfang der Name, eigentlich zwei Namen, Larenstetten und Layrstetten, a, y, r.

Pfarrer Baum leitet ihn in seiner „Allgemeinen Pfarrbeschreibung" von locus vacuus ab - ein abgerodeter Platz. Das dürfte ein Missverständnis sein. In früheren Zeiten wurde die Schreibweise nicht so genau genommen. Entstellungen durch schwer entzifferbare Handschriften kommen dazu. Schließlich, um das kurz zu erwähnen, haben wir es mit dem Mittelhochdeutschen zu tun, der Sprache Walthers von der Vogelweide, des fahrenden Sängers. Fast eine Fremdsprache, sie lässt sich nur mit Mühe noch einigermaßen verstehen.

 

Nehmen wir Nürnberg als Beispiel für das Rätselraten über die Herkunft von Ortsnamen. Heute scheint gesichert, dass Nor, Nür, Nöre „nackter Fels" bedeutet, gemeint ist jener Keuperfelsen, auf dem die Burg erbaut wurde, Nürnberg heißt somit: „Stadt am Felsberg".

 

In „Larenstetten", falls diese Schreibweise stimmt, verbirgt sich möglicherweise ein andrer Hinweis auf den Ursprung. „Lar" stammt aus germanischer Zeit und heißt nichts weiter als „Ort". Stätte eines Ortes, eine Dorfstätte. Schlicht, ungekünstelt, geradlinig, so tritt dieser Name aus dem Dunkel der Vergangenheit. Sesshafte oder streifende Menschenhorden gab es in dieser Gegend lange bevor die Kelten von den Germanen nach Westen vertrieben wurden. Werkzeugfunde bei Plöckendorf aus der 3. großen Menschheitsepoche, der Jungsteinzeit, beweisen, dass vor 5000 oder 6000 Jahren Menschen am Rednitzufer hausten.

 

Das Ende der germanischen Zeit wird um die Jahre zwischen 700 und 800 festgelegt. Und vielleicht fand hier nichts statt, viele tausend Jahre als das wilde Leben und Sterben der von Menschenhand unberührten, sich selbst überlassenen Natur. Jenseits des römischen Grenzwalls rauschte der Nordwald, der im Ruf stand, ein richtiger Mordwald zu sein.

 

Erste verlässliche Kunde über die Existenz eines Nestes Leerstetten oder Larenstetten erhalten wir aus einer Eichstätter Chronik über die Weihe der Wallfahrtskapelle Peter und Paul im Jahre 1194.

 

Es erhebt sich die Frage, wann und wie wurden unsere Vorfahren eigentlich Christen?

 

So merkwürdig uns das vorkommt, auch hierher kamen einmal Missionare. Es waren Angelsachsen, Iren und Schotten. Die Christianisierung begann ums Jahr 500, zur Zeit des Merowinger-Königs Chlodwig. Er unterwarf Alemannen und Germanen vom Main bis zu den Alpen. Ein König, der in der Wahl seiner Mittel alles andere denn zimperlich war, seine Rivalen umbrachte, die nächste Verwandtschaft sogar eigenhändig köpfte.

 

Für unsere Geschichte ist es zwar unwichtig, doch nicht uninteressant, seine Frau, eine burgundische Königstochter, brachte ihn dazu, das Christentum anzunehmen. Er führte seine Abstammung auf die germanischen Götter zurück, und obwohl der dem Jesus von Nazareth persönlich zeitlebens böse war, dass dieser ihn vom ersten Platz verdrängt und auf den zweiten Rang verwiesen hatte, ließ er die neue Religion verbreiten.

 

Ungeheurer Mannesmut, Bekennermut gehörte dazu, in die dunklen, geheimnisvollen Wälder einzudringen, in den Herrschaftsbereich Wotans, Donars, Baldurs, Friggas und sie alle hießen. Im Maingebiet missionierten iroschottische Mönche: Kilian, Kolonat, Totnat.
Im heutigen Würzburg hat man sie umgebracht und später zu Frankens Schutzpatronen erhoben.

 

Als eigentlicher Apostel der Deutschen aber gilt Bonifazius, ein englischer Adeliger. Er gründete viele Klöster, darunter Tauberbischofsheim, Fulda, Salzburg, Freising, Passau, Regensburg und Eichstätt, er fällte die heiligen Eichen, dem Donar geweiht, und wurde in Friesland erschlagen.

 

Nach Eichstätt holte er einen Verwandten als ersten Bischof, einen weitgereisten Mann, sein Name war Willibald, und über den neuen Bischofssitz schrieb er später: „Ein Gebiet, das noch ganz verwüstet war, so dass kein Haus daselbst war außer jener Kirche der Heiligen Maria...".

Suitgar, Graf im Nordgau, hatte ihm die „regio Eihstat" geschenkt. In diese Region gehörte auch unser Leerstetten.

 

Damit haben wir einigermaßen festen Boden unter den Füßen und sind nicht mehr auf bloße Vermutungen angewiesen. Aber wir wissen trotzdem nicht, ob die Kapelle Peter und Paul zu den Menschen kam oder nach und nach die Menschen zur Kapelle. Der fromme Einsiedler wäre denkbar, es gab sie zahlreich in den Anfängen des Christentums. Nur ganz vereinzelt bleiben Erinnerungen, Legenden. So hat Nürnberg seine Legende vom Einsiedler Sebaldus, der ein Prinz gewesen sein soll.

 

Obgleich die Besitzverhältnisse jener Zeiten verwirrend waren, lassen sie sich groß in zwei Gruppen aufteilen: Weltlich und geistlich; die Untertanen lebten entweder im Schutz einer Burg oder im Schutz eines Klosters, und später, im Zuge der Stadtgründungen, Stadterhebungen im 11., 12. Jahrhundert, im Schutz einer Stadt.

 

Bäuerin mit Ochsengespann Wir schreiben das Jahr 1296. Über die Bewohner Leerstettens ist noch nichts zu erfahren. Es wird wohl ein paar Hütten gegeben haben, strohgedeckt, schilfgedeckt, und es gab ein paar Bauern hinterm Pflug. In diesem Jahr 1296 schenkte Reinbot, Bischof zu Eichstätt, dieses Dorf dem Kloster Ebrach im Steigerwald zum Lehen. Ein mächtiges Kloster mit riesigem Grundbesitz.

 

 

68 Jahre waren die Leerstetter dem Kloster Ebrach untertan, zinspflichtig, sie zahlten ihre Abgaben dorthin, dann kaufte der Nürnberger Burggraf Friedrich V., der im Jahr zuvor Reichsfürst geworden war, Schwabach und Umgebung, darunter Leerstetten, dem Kloster ab. Es handelte sich wohlgemerkt um die Hohenzollern auf der Burg, nicht um die Freie Reichsstadt. Sie erwarb selbstverständlich auch Land und Leute.

 

 

In Großschwarzenlohe beispielsweise gab es einige städtische Untertanen. Stadt und Burg waren einander zumeist spinnefeind. Als Leerstetten später nach Ansbach-Bayreuth fiel, blieb es trotzdem in der Verwandtschaft, weil die Burgherren als Mitgift für ihre Sprösslinge zunächst Bayreuth, schließlich Ansbach kauften. Sie stiegen dadurch zu Markgrafen auf - der nächste Nürnberger Friedrich erhielt vom Kaiser das Kurfürstentum Brandenburg.

 

Untrügliches Zeichen für das weitere Wachstum unserer Gemeinde Leerstetten: Die bisherige Kirche Peter und Paul reichte nicht mehr aus. Sie wurde abgerissen. An derselben Stelle entstand eine größere, und sie war vor der Jahrhundertwende fertig - die mittlere, älteste der drei Glocken trägt die Jahreszahl 1398. Nun dürfen wir uns die Kirche nicht in ihrer jetzigen Form vorstellen. Es gab keine Kanzel, keine Sakristei, keine Empore, das Schiff war viel kürzer als heute, die Fenster kleiner, die Decke flach, also kein Spitzgewölbe, die Bestuhlung schmucklos, und wahrscheinlich anders angeordnet.

 

Es kann als ziemlich gesichert gelten, dass Leerstetten gegen Ende dieses Jahrhunderts zur selbständigen Pfarrei aufstieg.

 

Elisabeth beim Garbenaufstelen Der Bauer ging seiner Arbeit nach. Die Kartoffel war noch nicht bekannt. Neben Roggen und Weizen wurde Hirse angebaut, eine der ältesten Brotgetreidearten. Hirsebrei und -Grütze gehörte zu den Grundnahrungsmitteln. Im ganzen Land verbreitet war der Flachsanbau. Flachs musste gerauft werden, d. h. mit der Wurzel ausgezogen, sein Same diente der Leinölgewinnung. Öl wurde, neben dem Kienspan, als Beleuchtung für die Lampen gebraucht. Die Faser wurde nach mehreren Arbeitsvorgängen gebrochen, gehechelt und versponnen. Spinnen und Weben, damit beschäftigten sich die Frauen im Winter, das bildete auch ihre Unterhaltung, statt Fernsehen gab es die Rockenstube.

 

Kaiser, Könige, Bischöfe, Äbte, von denen die Geschichtsbücher erzählen, waren weit. Sicher konnte den Leuten nicht egal sein, wem sie untertan waren, doch das Nächstliegende hieß für sie Ernte oder Missernte, Glück oder Unglück im Stall, im Haus, Gesundheit und Krankheit, Geburt und Tod.

 

Auf dem Land, in einem Land voll Wälder, wurzelte Angst und Aberglaube tief in den Gemütern. Die alten Götter waren vertrieben - und kehrten als Dämonenspuk wieder. Ich möchte nicht näher auf den Hexenwahn eingehen, kann ihn jedoch nicht völlig übergehen Er hatte seine ganz reellen Ursachen. Kranke brauchten Hilfe. Ein gesunder Viehbestand bildete die Existenzgrundlage der Bauern. Ärzte, auch Tierärzte, waren unbekannt, einziger Arzt und Apotheker des Volkes war die Hexe. Sie kannte die wirksamen Mittel der Natur, Kräuter, Wurzeln, deren Anwendung, heilsame oder heillose Dosierung, und sie leistete Geburtshilfe. Sie wusste viel, und wusste Rat. Der Name, den man ihr gab, „weise Frau", freundliche oder furchtsame Umschreibung des bösen Wortes Hexe, wurde bis in unsere Zeit für die Hebamme gebraucht. Die Kräuterhexe, das Kräuterweib, gehörte zum Dorf, wie der Medizinmann zum Kraal in Afrika, sie wurde öffentlich gemieden und nachts heimlich aufgesucht.

 

Im Jahr 1348 griff die Pest um sich. Neben andern, epidemisch auftretenden Krankheiten, wie Schwarze Blattern, Ruhr, Cholera, Epilepsie, Geschlechtskrankheiten, gilt sie als eigentliche Geißel des Mittelalters. Dörfer und Städte riegelten sich ab, sie breitete sich trotzdem rasend aus, dafür sorgten schon Händler, Bettler, Landstreicher, Gaukler, die in Scharen von Ort zu Ort zogen. Durch Jahrhunderte flackerte sie immer wieder auf.

 

Nürnberg wurde von ihr heimgesucht, Schwabach, die Dörfer blieben, auch wenn keine Chronik darüber berichtet, nicht verschont. 1348 starb fast die gesamte Bevölkerung Nürnbergs an der Seuche - 8000 Tote soll sie damals gekostet haben. Die Umgebung, die Dorfbewohner füllten die Stadt wieder auf.

 

Bauernfamilie bei der Heuernte Was das Allerweltswort von den „unsicheren Zeiten" wirklich bedeutet, wie man damals ebte, schreibt Ulrich von Hutten in einem Brief:

„... Die uns Nahrung schaffen, sind ganz arme Bauern. Der Ertrag, der von ihnen kommt, ist für die Arbeit, die darauf verwendet wird, gering und schmal, aber mit großer Mühe und mit großem Fleiß wird gearbeitet ..... Sodann müssen wir uns unter dem Schutz von irgendeinem Fürsten stellen, damit wir von ihm Schutz erhoffen dürfen. Sobald ich aus dem Haus trete, so bin ich in Gefahr, dass ich denen in die Hände falle, mit denen mein Schutzherr Händel und Fehde hat. An seiner Stelle fallen sie mich an und schleppen mich fort. Wenn mich das Missgeschick recht verfolgt, geht leicht die Hälfte meines Vermögens für Lösegeld drauf. Man kann kein Dorf ungerüstet besuchen. Überdies gibt es häufig Zank zwischen fremden Bauern und den unsrigen ..... Man hört in unsrer Gegend, wo die Wälder nahe sind, auch das Heulen der Wölfe. Der ganze Tag ist mit Angst und Sorge um den nächsten angefüllt ...."

 

Ich habe den Brief gekürzt. Wenn sich schon ein Ritter beklagt, lässt sich ungefähr denken, wie schlimm es den armen Leuten ging.

 

Ihre Hoffnung, die Hoffnung der Bauern, richtete sich auf die Reformation. Die Zeit war mehr als reif dafür, und einer der Anlässe, der äußeren Anlässe war der Ablasshandel. Ein Leerstetter Pfarrer, der Magister Engelland, erreichte durch eine Romreise oder Bittschrift im Jahr 1486 einen Ablass von je 100 Tagen an mehreren Festen für jeden aus dieser Gemeinde, der durch Spenden zur Ausstattung der Kirche beitrug. Immerhin blieb das Geld bei diesem Geschäft mit der Angst in der eigenen Kirche. Das große Geld für den großen Ablass floss außer Landes, nach Rom.

 

Ein Vorläufer der Reformation war Johannes Hus. Auf deutsch heißt Hus „Gans". Er wurde 1415 verbrannt, seine letzten Worte lauteten: „Jetzt bratet ihr eine Gans, aber in hundert Jahren werdet ihr einen Schwan singen hören!" Prophetische Worte. Um ihn zu rächen brachen fanatische Landsleute, die Hussiten, in Deutschland ein. Brennend und mordend verbreiteten sie Angst und Schrecken.

 

1517 schlug Luther seine Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Damit begann der Aufbruch in eine neue Zeit.

 

Freilich führten die Landesherren zwischen den großen Massakern und abseits weltbewegender Ereignisse ihre Kleinkriege weiter. Das hieß für unsere engere Heimat: Ansbach gegen Nürnberg. Beim Kloster Pillenreuth stritt man sich um die Fischweiher. Markgraf Kasimir ließ die Bauern der Umgegend ausrücken. Sie bezogen vom Nürnberger Feldhauptmann Willibald Pirkheimer eine blutige Schlappe. In wilder Flucht rannten sie davon.

Bei nächster Gelegenheit ging es um den Kirchweihschutz von Alfalter, nahe Hersbruck. Wieder trommelte Kasimir die Bauern zusammen, er hatte, schreibe Hans Max von Aufseß, der genau Bescheid weiß über fränkische Geschichte, 6000 Mann zu Fuß, „meist ziemlich unbrauchbares Landvolk, und 600 bis 700 Reisige, in Schwabach zusammengezogen".

Mit seinem Freund Götz von Berlichingen lockte er die Nürnberger im Reichswald in die Falle. Auf Nürnberger Seite gab es 400 Tote.

 

An dieser erschreckenden Zahl sehen wir, dass derartige Fehden keine Spaziergänge waren. Keine Chronik überliefert uns, wie viel Krieger unser Dorf stellen musste. Solche Dinge wurden weiter erzählt, irgendwann gerieten sie in Vergessenheit.

 

Von der großen reformatorischen Bewegung erwarteten die Bauern ihre Schicksalswende. Sie erwarteten politische, und vor allem soziale Reformen. 1525 erhoben sie sich gegen ihre Unterdrücker, Fürsten und Bischöfe. Sie zündeten Klöster an, raubten, mordeten in blinder Wut. Luther sah durch diese Gräuel seine Sache in Gefahr. Der Bauernsohn stellte sich gegen die Bauern. Den gut gerüsteten Fürstenheeren mussten sie unterliegen. In Franken wurden sie von zwei Rittern angeführt, Florian Geyer und, eher gezwungenermaßen, Götz von Berlichingen. Das große Morden begann erst nach der Niederlage, Zehntausende wurden hingemetzelt, es hörte erst auf, als man eine Hungersnot befürchten musste. Bei uns gab es zwar Aufruhr, doch ohne größeres Blutvergießen. Als die Landesherren Vergeltung übten, kostete das im Amt Schwabach drei Bauern den Kopf, sieben andern wurde der Schwurfinger abgeschlagen.

 

Raufbold Kasimir starb 1528. Sein Bruder Georg, der neue Markgraf, war ein Anhänger Luthers. Nun traten die „Onolsbacher" zum evangelischen Bekenntnis über, auch unser Dorf. Die Leute hatten diesen Tag mit sehnsüchtigem Herzen erwartet. Man schrieb 1529.

 

Friede kehrte nicht ein, im Gegenteil. Nun drohte der Christenheit eine neue, tödliche Gefahr: Die Türken hatten Ungarn erobert, sie standen vor Wien. Als die Nachricht vom Sieg über Sultan Soliman eintraf, läuteten die Glocken im ganzen Land, für 30 Tage zunächst. Heute denkt beim Elfuhrläuten keiner mehr an die Türken.

Für die Hausfrau ist es das Zeichen, ans Kochen zu denken - aber unser Elfuhrläuten hat eine andere Tradition, es sind Siegesglocken, und wurde beibehalten zur Erinnerung an die Rettung der Christenheit vor dem islamischen Halbmond.

 

Neue Kriege kamen, neue Heere zogen durch dieses Dorf. Im Schmalkaldischen Krieg, 1546, sammelte Kaiser Karl seine Truppen in Franken, Bayern und Spanier. Der berüchtigte Herzog von Alba quartierte sich in Schwabach ein. Damit begann die Gegenreformation. Für die Leerstetter bedeuteten die fremden Soldaten neues Elend, Plünderungen, Kontributionen. Sofern sie sich nicht mit Vieh und Hausrat im Wald versteckten, suchten sie Schutz hinter der dicken Mauer um ihre Kirche. Gegen kleinere Haufen beutegieriger Eindringlinge konnten sie sich besser verteidigen als einzeln in ihren Gehöften.

 

Die verrotteten Reste dieser einst festen und viel höheren Mauer zwischen Kirchgarten und Anwesen Buschmann verfallen weiter still vor sich hin, überwachsen, überwuchert, vergessen. Diese Mauer umschloss den alten Kirchhof, bis 1607 letzte Ruhestätte der Leerstetter. Im selben Jahr legten sie den jetzigen an, Beweis für eine stetig wachsende Einwohnerschaft.

 

Bald wurden mehr Gräber gebraucht als je zuvor. Wir kommen zum längsten, verlustreichsten Krieg auf deutschem Boden, zum 30jährigen. Im schlimmen Jahr 1632 rückten Wallensteins Truppen, von der Oberpfalz kommend, nach Schwabach vor. Gustav Adolf hatte sich mit seinen Schweden in und um Fürth einquartiert. Wer sich gegen die Soldaten zur Wehr setzte, wurde erschlagen. Häuser gingen in Flammen auf, darunter höchstwahrscheinlich das Pfarrhaus. Sie schlachteten oder trieben das Vieh weg, nahmen die Pferde mit, und aus dieser Zeit stammen Darstellungen pflügender Bauern mit der Bäuerin als Zugtier. 55 Beerdigungen für dieses eine Jahr bei 400 - 500 Einwohnern lassen ahnen, wie viel Elend über die Gemeinde hereingebrochen war.

 

Wie sah es mit der Schule aus in alten Zeiten? Der Posten eines Kantors, der Dienst als Organist, Lehrer und Mesner tat, ist seit 1525 besetzt. Nach 1600 gab es bereits staatliche Verordnungen zur Schulpflicht. Im 1703 erbauten Mesnerhaus wurde Schule gehalten. Als es 1835 abgebrochen werden musste, entstand gegenüber der Kirche das neue Schulhaus.

War der Organist nebenbei Mesner, so war der Pfarrer nebenbei Bauer. Scheune und Stall gehörten zu seinem Hof. Schlagfertigkeit und Poesie der Landleute drücken sich in den Namen der Grundstücke aus, die zum Kirchenbesitz gehörten. Der Wald hieß „Heiligenholz", es gab auch das Gegenstück, „Höllacker" und „Höllwiese". Es gab eine „Engelweiherwiese" und einen „Engelweiheracker". Leider wurde der schöne Name „Engelweiher" zum Egelweiher verunziert.

 

Kirchenansicht ca. 1930 Langsam, jedoch unaufhaltsam, nähern wir uns der neuen Zeit. Gebaut wurde natürlich immer wieder. 1732 brachte man das Kirchenschiff auf seine jetzige Länge. In diesem Jahr passierten zweimal Flüchtlingszüge das Dorf, Salzburger Emigranten. Für eine Nacht blieben sie hier. Ich weiß nicht, ob die Leerstetter ihre vertriebenen Glaubensbrüder freundlich oder nur neugierig empfingen.

 

 

 

Vorübergehend, 1792, fielen wir an Preußen, 14 Jahre später, 1806, ging Ansbach-Bayreuth an Bayern. Das ist noch gar nicht so lange her.

 

Wieder einmal, 1835 bis 1843 wurde die Kirche renoviert. Damals erhielt sie jenes Gesicht, das die meisten von uns noch kennen. Die Kirchenstühle wurden etwas später angeschafft.

 

Einmal protestierten die Leerstetter gegen neue Einführungen, und zwar gegen die Einführung der Liturgie, das war 1857, die Gemeinde verließ geschlossen das Gotteshaus. Zu einer länger dauernden Meuterei führte das nicht, sie gewöhnten sich daran.

 

Ein Kuriosum, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, meldet Pfarrer Baum für das Jahr 1865. Da passierte der einmalige Fall, dass die unehelichen Geburten, nämlich 20, die ehelichen mit 14 Geburten überstiegen. Es wird nicht allein Unmoral gewesen sein, viele von Ihnen erinnern sich noch der beengten Wohnverhältnisse. Heiratswillige mussten warten, weil kein Platz vorhanden war für eine neue Familie, und es ist eine traurige Tatsache, dass auf den Tod gewartet wurde, um Platz zu machen für neues Leben.

Immerhin brauchten sich die zwanzig ledigen Mütter nicht allein und verlassen vorkommen. Zwar galt es noch immer als Schande, doch sie wurden nicht, wie es ein paar hundert Jahre früher geschah, verstoßen und verjagt. Sie mussten sich in der Fremde irgendeinen Dienst suchen, praktisch unmöglich mit einem Kind oder mussten sich von Betteln und Stehlen ernähren. Den Vätern ist natürlich nichts passiert.

 

Wir können nur ahnen, welche Tragödien so entstanden. Irgendwann wurden sie als Moritaten, traurig und schaurig, als Küchenlieder, als Hopfenzupferlieder, gesungen.

 

Für den Zeitgeist, besonders was die Jugend betraf, hat Pfarrer Baum auch schon schwarzgesehen. So klagt er 1911: „Bei dem, auch auf dem Lande immer weiter um sich greifenden Materialismus mit seiner Leb- und Vergnügungssucht sowie bei dem antichristlichen Zeitgeist und dem unheilvollen Einfluss der benachbarten Städte ..... ist auf eine baldige Wendung zum Besseren nicht zu rechnen."

 

Wie es wirklich weiterging, konnte er sich auch nicht vorstellen, doch er würde sein altes Dorf nicht wiedererkennen, an das ich mich nur noch dunkel erinnere: Wie der Hirt austrieb, ans Hirtenhaus, in dem sich später die Wandervögel einquartierten, und wie die staubige Straße anfangs der 30er Jahre eine Teerdecke erhielt. An das Brünnlein droben im Kessel, das längst versiegt ist, an das Bächlein quer über den Ober-Siedelweg, willkommene Viehtränke.

 

 

Friedenslinde von 1871

Wie hart es war, dieses Leben, soll ich das erzählen? Wie sie, die Alten, mit einer Krätzn auf dem Buckel, Eier und Butter nach Nürnberg auf den Markt getragen haben? Oder wie einer, querfeldein, mit dem Schubkarren bis Neumarkt geschoben ist und mit einem Korb voll Ferkel wieder zurück? Wie das Getreide mit dem Drischel gedroschen worden ist, wie das Heu per Handbetrieb gehäckselt worden ist? Wie sie in der Herrgottsfrühe mit der Sense auf die Wiesen sind zum Mähen, und wie man den Kaffee, Kornkaffee, Malzkaffee natürlich, nachgetragen hat und ein Stück Brot dazu? Wie sie, einer oder zwei, über Mittag auf dem Kartoffelacker geblieben sind, und wie die Kinder die Suppe hinausgetragen haben?

Was es gegeben hat an lustigen, traurigen Geschichten, was es an Originalen gegeben hat, die alten Leerstetter wissen darüber viel, viel mehr als ich.

 

 

Ich denke ein bisschen wehmütig an die Linden, draußen im schattigen Wirtsgarten, an das staubige, grüne Dorf, die Nussbäume, Linden, Kastanien, die fast alle verschwunden sind, an die Friedenslinde gegenüber der Kirche von 1871, die vier Linden vor dem Eingang der Kirche, Verkehrshindernisse in einer veränderten Zeit.

 

Linde von 1911 am westl. Ortseingang Vielleicht kommen sie wieder, die Linden, wenn unsere Rennpiste nicht mehr mitten durchs Dorf, sondern am Rand verläuft, warum nicht? Soviel zumindest hat unser Streifzug durch die alten, die guten und schlechten Zeiten gezeigt, dass Veränderungen das einzig Beständige sind.

 

 

Elisabeth Engelhardt

 

abgeschrieben am 15.11.2007 von Brigitte Geiß (Original befindet sich im Evangelischen Pfarramt Leerstetten).

 

Die Bilder sind dem Buch: Liebe Vanessa" von Marianne Ast mit ihrer freundlichen Genehmigung entnommen.

 

Weitergehende Literatur siehe: Literaturverzeichnis

 

Schwanstetten im Dezember 2007

Alfred J. Köhl

Eine von Elisabeth gemalte Ortsansicht - zur Chronik